Date mit Pennywise

Slamtext von Mieze Medusa, entstanden im Rahmen der Lesebühne „Sinn & Seife“. Für die Lesebühne schreiben wir Auftragstexte nach den Vorgaben des Publikums. Eure Vorgabe war: Mieze Medusa trifftPennywise (den Clown aus Stephen Kings IT) zum Weinlesen am Kahlenberg …

Als ich klein war, da hatte ich ein großes Problem: Meine Mama hat mich Bier holen geschickt, jeden Tag, ein Bier für den Papa, und ich war noch so klein, dass ich es noch gar nicht unfair fand, dass nur der Papa ein Bier zum Essen bekam, im Gegenteil, wenn du klein bist, kannst du dir gar nicht vorstellen, das du mal mit deinen Eltern darüber streiten wirst, dass du auch ein Bier trinken willst, weil Bier, gesehen mit den Augen von damals, ist ein Getränk, das riecht nach Eselschweiß, schmeckt wie die seit Monaten abgelaufenen Billigkekse von deiner weltkriegstraumatisierten Oma, die Vorräte für den nächsten Krieg in ihrem Nachtkästchen hortet, Bier hatte damals für mich die gleiche Farbe wie das Zeug, das der Bauer aufs Feld leert, damit Pflanzen wachsen, und bei Gott, es roch auch so.

Wenn du klein bist, glaubst du jeden Scheiß, der dir erzählt wird. An Gott zum Beispiel, oder, daran, dass Kiffen eine Einstiegsdroge ist, die direkt in die Obdachlosigkeit führt, oder daran, dass die Blockflöte ein gutes Instrument ist, um anzufangen, weil: wenn du gut Flöte spielst, lernst du die coolen Instrumente quasi von selbst. Jahrzehnte später muss ich sagen: mir fehlen die empirischen Beweise.

Ich weiß, die Empirie ist alt. Und aus der Mode gekommen. Plötzlich sind alle so: Ey, der hat das behauptet und, der hat volle viele Retweets, und die Fakten nachgoogeln, also, das ist mir jetzt echt zu anstrengend…

Aber ich sag euch was. Meine Eltern hatten damals echt definitiv mehr Retweets als ich, und sie haben allerhand behauptet: dass es einen Gott gibt, z.b. und von mir aus, das kann schon sein, woher soll ich das wissen, so ganz ohne Nahtoderfahrung, und das dieser Gott gut ist und gerecht – ja, sicher, und die Geschenke bringt der Weihnachtsmann und die dritten Zähne bringt die Zahnfee.

Was den Rest betrifft: Ich kann richtig gut Blockflöte spielen und hab mit dem Kiffen angefangen und auch gleich wieder aufgehört und zwar ganz ohne obdachlos zu werden, weil Kiffen für Nichtraucherinnen mühsam und irgendwie sinnlos ist, weil, ganz ehrlich, warum sollte ich bitte Kekse essen, nur damit ich nachher Heißhunger auf Pizza hab. Bestell ich lieber gleich Pizza.

Aber zurück zu meinem Problem. Ich sollte also in den Keller gehen, Bier holen für den Pap. An und für sich hat die Mama schon recht gehabt. Das ist zumutbar. Das läuft noch nicht unter Kinderarbeit und verstößt auch sonst gegen keine Gesetze oder Menschenrechte.  Aber: Unter der Kellerstiege, und ich weiß auch gar nicht, warum nur ich bemerkt habe, warum das keiner sonst gesehen hat, unter der Kellerstiege wohnte eine Hexe. Oder ein Clown.

Mir ist überhaupt nicht klar, warum mir niemand geglaubt haben. Nur weil sie nichts gesehen haben, wenn sie die Stiege runter in den Keller sind. Okay, Blockflöte, kann man sehen. Pizza, kann man sehen. Die Gammelkekse der Oma, kann man sehen. Und riechen. Und ohne Zähne kauen. Aber wie, du siehst die Hexe nicht? Oder den Clown. Wie, das ist nur in meinem Kopf. Davor muss man sich nicht fürchten, Doris, geht jetzt das Bier holen. Für den Papa.

Sachen, die man nicht sieht: Die Zahnfee. Das Christkind. Gott. Die Hoffnung. Die Vernunft. Die Hexe unter der Kellerstiege. Oder den Clown. Wait for it.

Ich habe einen Freund auf facebook, der macht jeden Tag Live-Videos, in denen er auf schlechtem Englisch von der Verschwörung der Polizei, des Krankenhauses und von allen anderen gegen seine schwerkranke Frau, die nie auf den Videos zu sehen ist, erzählt, was heißt erzählt, er rantet. Und hat dabei hat er 0 bis 1 Viewer in seinem Livestream, und mich. Ich kann bei ihm so schlecht wegschauen wie bei einem Verkehrsunfall. Habe ich Freund gesagt? Ich meinte Freund auf facebook, ich kenn den Typen nicht, er hat so einen gehetzten Blick, ich glaub ihm die Paranoia nicht, oder die Paranoia glaub ich ihm schon, aber vielleicht die Frau nicht oder die Krankheit der Frau oder dass alle sich gegen ihn verschworen haben. Im Hintergrund des Bildes ist ein Kachelofen, ich weiß nicht, ob das wichtig ist.

Aber ich frage mich, was ist schlimmer: An was zu glauben, was man nicht sieht, oder an was nicht zu glauben, was man sehr genau sieht, weil man nicht wegsehen kann, wie bei einem Verkehrsunfall.

Und yes, we float, wir alle schweben in einer Suppe der Vermutungen, der Vorurteile und des Halbwissens. Und, nur weil du paranoid bist, heißt das nicht, dass sie nicht hinter dir her sind. Und nur, weil du weißt, wie der Hase läuft, heißt das nicht, dass du weißt, welchen Haken er als nächstes schlägt. Jedenfalls, ich hab ein Date. Am Kahlenberg mit einem Clown. Der will mir Weilesen und dabei was von sich erzählen. Von seinen Vorstellungen, von seinen Werten, von seiner Welt.

Der traurigste Mensch, den ich kenn, ist aus Plastik. Seine Haut ist mittelmeerbraun und nur hier, wo ich mir gerade meine Samstag Nacht um die Ohren schlage, mitten im Herzen Österreichs am Land, dort, wo die Welt als für noch in Ordnung erklärt wird, hält man das für schwarz. Früher war er von Beruf Schaufensterpuppe, heute steht er in einer Holzhütte, die hier als In-Lokal dient, auf dem Damenklo.

Jemand hat ihm mit Gaffatape einen Dildo in den Schritt geklebt und über dem Plastikdildo hängt das Baumwollhandtuch, mit dem ich mir jetzt die Hände abtrocknen soll.

Ich weiß gar nicht vor wem ich mehr Angst habe. Dem Dildo, dem Handtuch, in dem sich wohl alle Bakterien tummeln, vor denen mich meine Mutter immer gewarnt hat: Pippi machen in Abfahrtshocke, denn die Bakterien könnten ja aus dem Klo rausspringen, wie Free Willy am Ende des Films.

Oder hab ich Angst vor den Menschen, die draußen mit ihrem Samstag weitermachen, als wäre die Welt hier noch in Ordnung, als wäre das hier normal.

Es sind ja immer Einzelfälle, sagen diese Clowns, wir haben ja wirklich nur drei Bier bestellt, sagen diese Clowns, während sie die drei Finger zu diesem Beinahehitlergruß in die Höhe halten. Es geht uns ja nur um unsere Werte und unsere Kultur ist nunmal eine Deutsche, als hätten sie noch nie einen Witz über die Deitschen gemacht, die ich, soviel Spaßverderberin muss schon sein, auch scheiße finde, nicht die Deitschen, die Witze über die Deitschen! und, yes, we float, und ja unter der Kellerstiege meiner Kinderheit sitzt ein Clown und er wartet auf mich und auf dich und wir alle haben ein Date mit Pennywise, dem Clown, der mit uns Weinlesen will und mit Weinlesen meint er unsere Tränen und mit Lesen meint er Fressen und das einzige was hilft, ist eine Sache, die man nicht sieht: Hoffnung. Empirie, Vernunft. Ausdauer.

Denn in der Nacht ist nichts, was nicht schon vorher war: Außer die Angst.

Und wie hat schon irgendwer mit ziemlich vielen Retweets gesagt: „Es ist besser eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s