Textvorstellungen: Christine Teichmann – Gaukler

Ein typischer Plot in der Literaturgeschichte: Die Tochter aus gutem Hause heiratet unter den Erwartungshaltungen ihrer Eltern. Im Lauf des Romanes zeigt sich, ob es ihr die Ablösung aus dem Elternhaus gelungen ist und die Rebellion für ein Lebensglück reicht. Es braucht für die Freiheit nicht nur die Kraft für den Ausbruch, es braucht die Ausdauer für das Leben danach. Jane Austen lässt grüßen, Madame Bovary fällt mir ein, auch wegen ihren Schwierigkeiten mit der Mutterrolle (obwohl die nicht aus Rebellion heiratet, aber ein Ausweg aus dem Elternhaus soll die Heirat jedenfalls darstellen).

Im Roman „Gaukler“ heiratet „Eurydike“, die von ihren kriegstraumatisierten Eltern so genannt wird, damit sie nie zurückschaut, gegen den Willen einen Arbeitersohn, den sie bei einem internationalen Sporttreffen in Ungarn kennenlernt. Mit ihm startet sie eine Karriere als Straßenkünstlerin und Clown („Benno & Eurydike“), mit ihm bekommt sie 3 Kinder (Dora, die Ich-Erzählerin, Tina und Timo).

Die vom Elternhaus gelernte Strenge hilft ihr einerseits. Die Zirkuswelt und das was sie in ihrer Kindheit von ihrer jüdischen Mutter, die bis 1938 als Konzertpianistin auf der Bühne stand, gelernt hat, passen eigentlich ganz gut zusammen: Für beides braucht man Strenge, Konsequenz und Disziplin. Der Unterschied zwischen den beiden Welten bringt den Dialog zwischen Eurydike und ihrem Bruder Hermes und den Eltern letztendlich zum Erliegen. Trotz des totalen Bruches, wiederholt die nächste Generation genau diese Dialoglosigkeit, als gäbe es keine Möglichkeit der Veränderung.

Der Roman beginnt an dem Punkt, wo die Geschwister wieder miteinander reden. Sie verbrennen die Requisiten der Eltern. Der Tod der Mutter, 17 Jahre nachdem der überraschende Tod des Vaters die Familie und ihren Zusammenhalt zerstört hat, ist Anlass für ein Wiedersehen und für das Überdenken der eigenen Familie. Schon auf den ersten Seiten kreuzen sich die Blicke der Familienmitglieder auf spannende Weise. Alle haben ihre eigene Wahrheit, ihre eigene Geschichts- und Geschichtenschreibung. Aus diesen Blickmosaiken setzt sich das Gesamtbild zusammen, ohne dass die Autorin je aus der Ich-Perspektive der ältesten Tochter Dora herauswechseln muss. Das gelingt mühelos und ist die Leistung des Romans.

In ihrem Selbstbild ist Dora die, die immer zuschaut. Bei den Bühnenshows macht sie die Technik, sie beobachtet die Schwester und die Mutter dabei, wie sie um die Anerkennung und Zuneigung des Vaters/Ehemanns buhlen. Später werden sie um die Aufmerksamkeit Erichs, des Mannes von Dora buhlen. An ihm liebt sie seine Unabhängigkeit von Publikum. „Erich hat mich in die Berge gebracht – kein Aufenthaltsort für Artisten, zu wenig Publikum“. In ihrer Ehe und in ihrer eigenen Familie wird ihr das Adrenalin, das Publikum und insgesamt das Gesehenwerden fehlen. Auch ihre Familie ist am Zerbröckeln, so ihre Selbstwahrnehmung. Aber stimmt ihre Selbstwahrnehmung: Die Schwester Tina erzählt später von einer Familienaufstellung, Dora wäre immer das Zentrum gewesen. „Du warst die Mitte, und alle haben zu dir geschaut“, sagt Tina empört. (CT, Gaukler, S. 140)

Apropos zuschauen. In einer Clownnummer gibt es klare Rollen: Jemand spielt, jemand sieht zu. Christine Teichmann kann offensichtlich beides. Sie kennt die Tricks, sie verrät sie uns, ohne den Zauber zu nehmen, ohne den Aufführungen ihren Glanz zu nehmen.

Bei der Lesung hat Christine Teichmann uns damit überrascht, dass sie mit ihrem Mann zusammen einen Teil der Lesung akrobatisch unterstützte!

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Textvorstellungen – Motto: Die Netze zwischen den Inseln

JOHANNES WITEK (Salzburg) Ein weiterer Dienstag Abend, Baby. Lyrik (Manuskript) • CHRISTINE TEICHMANN (Graz) Gaukler. Roman (Edition Keiper, 2017) • ANDREAS PLAMMER (Wien) Bar jeder Vernunft. Prosa (Manuskript) • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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