Robert Prosser – Phantome

Robert Prossers Roman „Phantome“, erschienen bei Ullstein fünf, verhandelt ein europäisches Traumata, den Krieg in und den Zerfall von Jugoslawien. Was passiert, wenn „Bruder auf Bruder schießt“. Im ersten Teil stellt Prossers Roman diese Frage aus Perspektive der Nachgeborenen. Der Ich-Erzähler, ein namenloser Sprayer, der atemlos durch Wien läuft, beginnt sich für die Familiengeschichte seiner Freundin Sara zu interessieren, deren Mutter Anisa als bosnische Muslima, als Bosniakin, nach Wien fliehen musste beziehungsweise konnte. Gemeinsam reisen sie nach Bosnien, treffen die Familie, besichtigen Museen, machen Party. Machen sich Gedanken:

Eigentlich ist es mit Bosnien nicht anders als mit Graffiti, beide funktionieren nach strengen Regeln, die für Außenstehende schwer zu durchblicken sind.
(RP, Phantome, S. 34)

Sie fahren zur 20-jährigen Gedenkfeier des Völkermordes in Sebrenica, sie beschreiben wie Vučić, „der serbische Präsident, die Verkörperung der damaligen Täter“ den Feierlichkeiten beiwohnt und von den trauernden muslimischen Bosniern mit Steinen beworfen wird.

Der zweite Teil des wie ein Triptychon aufgebauten Romans, nimmt Anisa und Jovan in den Fokus. Ein Liebespaar, sie Bosniakin, er bosnischer Serbe, findet sich auf gegnerischen Seiten der Front wieder. Die beiden sind mitten im Gefecht, aber immer auch als Einzelpersonen am Rand und uninformiert. Anhand der beiden thematisiert der Roman mit einfacher, eindringlicher Sprache, ab wann wir was wissen können und müssen, ohne die Moralkeule der Schuld auszupacken. Gerade durch die einfache Sprache und empathische Erzählhaltung lädt der Text uns Lesende ein, in das Wohlergehen der beiden Figuren zu investieren und auf ein Happy End zu hoffen. Natürlich, der Roman handelt von Krieg, er handelt von Völkermord und er handelt von der gesellschaftlichen Aufarbeitung und eben des Fehlens dieser. Ohne spoilern zu wollen: Ein Happy End wird sich nicht ausgehen.

Ich möchte aber an dieser Stelle den Fokus auf ein anderes Erzählelement des Romans lenken. Der erste Teil beginnt rasant, rhythmisch und atemlos. Es geht um Graffiti, um Whole Trains, um das Gesehen werden, Spuren zu hinterlassen.

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Birgit Pölzl, die ich heute hier vertreten darf, beschreibt das in der Kultum-Programmzeitschrift so:

Um die Dreiteilung auf der Bildebene zum Atmen zu bringen, steigt der erste Teil nicht sofort ins Thema ein, sondern begleitet einen Graffiti-Sprayer bei seiner nächtlichen Arbeit. Potenz und Potentialität des (künstlerisch gestalteten) Bildes werden leitmotivisch den Roman durchziehen, sei es in Form von Graffitis, die der namenlose Sprayer an Waggons und Wänden in Wien aufbringt, sei es in Szenen, die der Straßenkünstler Jovan im Gefängnis wie Spots in Splitterform zeichnet, seien es Gemälde im Kunsthistorische Museum, die Anisa, nach Wien geflüchtet, betrachtet oder sei es das Foto Anisas, das Jovan an der Front anschaut.
(Birgit Pölzl, Kultum-Porgrammzeitschrift)

Das Element des Graffiti ist mehr als ein Symbol eines gegenwärtigen, subkulturellen Bildschaffens. Die Schablone der HipHop-Kultur ist ausgesprochen gut gewählt. In der Österreichischen HipHop-Geschichte hat mit Schönheitsfehler eine Band die Vorreiterrolle in Wien innehat, die Texta für Linz und Oberösterreich und Total Chaos für Tirol und den Westen beanspruchen. Eine früher Veröffentlichung der Band heißt „Tu sam ja, druga generacia“ was soviel heißt wie: Hier bin ich, die zweite Generation.

HipHop im Allgemeinen und im Speziellen in Wien ist immer auch ein Spielfeld für die Verhandlung von Identität, für die Inszenierung von Gruppenzugehörigkeiten. Im Guten heißt das: HipHop ist der eine Ort, ein Ort des Empowerments und der Selbstermächtigung, wo man sich abseits von Nationalitäten und sozialer Klasse trifft um im Cypher, auf der Bühne, beim Tanzen oder eben beim Sprayen seinen Status neu verhandelt. Gleichzeitig ist HipHop immer auch dominiert von einer Mentalität des Revier-Markierens, der Gruppenbildung. Das Hinhacken auf Außenseiter, für die überhöhte Selbstinszenierung, für das Ziehen einer Grenze zwischen Uns und den anderen. Das rauschhafte Bomben der Graffitis der feindlichen anderen, das Clandestine, die Geheimwege, die Kontrollen des Wachpersonals, das pseudokriegerische der HipHop-Kultur, wie es im ersten Teil des Tryptichons dargestellt wird, wirft sich wie ein strukturelles Echo voraus, Echo, weil es in der Geschichte zeitlich später passiert. Voraus, weil es im Roman vorangestellt ist. Echo, weil die Protagonisten der Wiener HipHop-Szene zu einem relevanten Anteil von Krieg und Völkermord in Jugoslawien geprägt sind. (Übrigens: Auch in Bosnien. Die Kinder der Rückkehrer können gut genug deutsch, um Berliner Gangstarap zu pumpen.)

Von dem Einfluss von HipHop auf die heutige Generation von Bosniern erzählt übrigens auch Mario Tomic, Grazer Slam-Poet mit bosnischen Wurzeln, der selbst mit Rap und Break-Dance sozialisiert wurde und in einem wunderbaren Spoken Word Text aus Ich-Perspektive ohne erzählerische Distanz eine ähnliche Geschichte erzählt.

Robert Prosser war mit „Phantome“ übrigens auf der Longlist des Deutschen Buchpreises.


Robert Prosser
Phantome
Roman
Ullstein fünf

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