Elias Hirschl – Hundert schwarze Nähmaschinen

„Wenn stimmt, das Spinner gute Erzähler sind, dann ist Elias Hirschl ein ziemlicher Spinner.“ schreibt Peter Pisa im Kurier. Ich mache den logischen Umkehrschluss und stimme zu: Elias Hirschl ist ein ziemlich guter Erzähler. Ein Spinner ist er nicht. Er ist nur überdurchschnittlich gut darin, Uneindeutigkeit auszuhalten, zuzuspitzen und mit Skurrilität zu paaren.

Dabei ist „Hundert Schwarze Nähmaschinen“ genau genommen ein Roman über den ganz normalen Alltag eines jungen Mannes in Wiens. Der junge Mann macht sich nützlich für die Gesellschaft, er geht arbeiten, er wohnt mit seiner Freundin zusammen, er macht sich Gedanken. Aber wie normal kann ein Alltag sein, wenn der Junge Mann Zivildiener ist, Zivi wird er das ganze Buch hindurch genannt, seine Dienststelle ist eine WG für Betreutes Wohnen.

Der erste Satz lautet: „Das Selbstmordzimmer ist frisch gestrichen.“ (EH, Hundert schwarze Nähmaschinen, S. 5) Der Hinweis darauf, dass alle Selbstmorde in der WG in genau diesem Zimmer stattfinden, verweist schon darauf, was dem Erzähler unter anderem auch wichtig ist: Mathematik und die potentielle Möglichkeit, der Welt beizukommen, mithilfe von Zahlen, Recherche, Fakten, Rechenmodellen und Vernunft. Sehr gerne hätte der Junge Mann eine vernünftige Erklärung für das, was er beobachtet. Diese Hoffnung enttäuscht der Erzähler Elias Hirschl mit großer Freude.

Birgit Pölzl, die ich heute bei dieser Lesungsanmoderation im Kultum im Graz vertreten darf:
„Hundert schwarze Nähmaschinen“ … ist skurril und brachial komisch wie die zwei zuvor erschienenen Romane „Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss“ (2015) und „Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles, was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt“ (2016), weist jedoch eine durchgehende narrative Struktur auf, was bei Elias Hirschl jedoch nicht einfach lineares Erzählen meint, sondern Erzählen mit exzessiven Perspektive-Wechseln, Fußnotenwucher und Remix-Tendenzen.
(Birgit Pölzl, Hundert schwarze Nähmaschinen)

Ich würde sogar weitergehen: Die Erzählhaltung ist so dissoziativ, wie die Persönlichkeiten, die beschrieben werden. Im Zug nach Graz meint Elias Hirschl, das Buch habe einen „Meta-Fiktionalen Plot-Twist, der sich nicht ganz traut.“

Es ist aber gut, dass er sich nicht ganz traut. Denn ein bisschen Gewissheit ankert das bunte Treiben. Sicher ist. Es gibt eine Wohnung. Es gibt Betreuer und Klienten. Es gibt Betreuerinnen und Klientinnen. Manche Klientinnen sind gerne nackt. Alle Klienten und Klientinnen nehmen Psychopharmaka. Einige Betreuer mögen bewusstseinserweiternde Drogen auch ganz gern. Alle Klienten und Klientinnen rauchen viel. Alle Betreuer und Betreuerinnen trinken viel. Der Zivi macht sich Notizen in einem Versuch, Kohärenz herzustellen. Die Erzählhaltung macht sich einen Spaß daraus, diese Kohärenz wieder und wieder zu hinterfragen und zu zerstören.

Auf symbolischer Ebene allerdings hält das Bauwerk jeden Windstoß aus. Gerade, dass die Kapitel nicht immer zuordbar sind, gerade dass nicht immer klar ist, wo dieses so wichtige Badezimmer verortet ist, das Badezimmer mit Badewanne und 2 Holzstangen für die Handtücher, gerade weil nicht nur der Zivi Nachschlagewerke zum Thema „Psychische Krankheitsbilder“ haben, oh nein, die Klienten verwenden die auch und haben ihre eignen Theorien. Von allen Seiten werden Erklärungssysteme gesponnen, die, wie jede gute Theorie, die auf sich hält, in sich geschlossen sind, logisch klingen, aber bei genauerem Hinsehen in der Interaktion mit der Welt versagen. Offen bleibt, wie sehr diese Erzählungen auch wieder Gedankengespinste sind, wie sehr der Wunsch des Zivis in die wilde, bunte Welt dieses Betreuten Wohnens eine gewisse Ordnung hineinzutragen.

Die Menschen, die in dieser Wohnung wohnen, haben einen Alltag, sie haben Muster, sie haben Fallgeschichten. Der Herr Gruber, der Herr Mölzer, der Herr Schmidt, der Herr Haas, die Frau Roth, die Frau Glettler, die Frau Herbst und wie sie alle heißen. Und der Berni, immer wieder der Berni. Ihnen allen begegnet der Zivi mit einem mit Fassungslosigkeit gewürzten Respekt, mit Geduld und Neugier, lauter Eigenschaften, die er für seine Freundin eher nicht aufbringt.

In einem Artikel im äußerst zitablen Web-Magazin Jezebels habe ich den Begriff „adaptation“ gefunden, als „Beschreibung einer Erzähltechnik, die zeigt, das unsere Charaktere nicht fixiert sind. Im echten Leben ändern sich Menschen ständig, abhängig davon, wer sonst noch im Zimmer ist und was man über des Gegenübers Natur und Launen weiß.“ Das macht schon bei „normalen“ Personen das Lesen von Romanen so „addictive“.

Wenn man diese Erzähltechnik mit „Einer Flog übers Kuckucksnetz“ und einem entschiedenen Willen zur Metaebene paart, hat man eine gewissen Vorstellung davon, was der Humor des Elias Hirschls ist. Glauben Sie mir bitte einfach auch noch, dass das Spaß macht.

Was mir an den Texten von Elias Hirschl so gut gefällt, ist, dass er in seinen Texten eine Realität behauptet und diese als absolut setzt. Aus dieser Absolutsetzung zieht er eine erzählerische Freiheit, die mit dem Wort fantasievoll zuwenig beschrieben wird, er schreibt im besten Wortsinn auf eine durchgeknallte Art und Weise.

Seine Texte sind autarke Systeme, in sich stimmig, auch wenn sie sich nicht sonderlich um so Kleinigkeiten wie Naturgesetze kümmern. Ich denke da an Douglas Adams, aber jedenfalls auch an „Aus dem Leben des Hödelmosers“ von Reinhard P. Gruber, weil sich auch Elias Hirschl immer einer Kunstsprache bedient, dass aber sehr gut zu tarnen versteht.


Elias Hirschl
Hundert Schwarze Nähmaschinen
Jung und Jung

 

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