Textvorstellungen: Martin Peichl

Denken wir nochmal an den Anfang dieser Ausgabe der Textvorstellungen in der Alten Schmiede. Einleitend zu Peter Clars Lesung zitierte ich Peter von Matt: „Niemand weiß, was ein Gedicht ist“.
Aber alle erkennen es, wenn wir es vor Augen haben. Es gibt die unterschiedlichsten Gedichte, man könnte sie thematisch oder alphabetisch ordnen, man könnte sie nach Stilmitteln sortieren oder nach Epochen. Oder man könnte mal nachfragen, für wen sie geschrieben worden sind. Und da gibt es jedenfalls ein Stadt/Landgefälle.

Denken wir an Lebensweisheit-Aphorismen und ja, ich weiß, dass Aphorismen durchaus mit Lebensweisheit zu übersetzen sind, aber wenn man über dieses Luxusgut Gedicht spricht, wird man ja wohl noch ein bisschen mit Pleonasmen arbeiten dürfen. Denken wir an selbstverlegte Lyrikbände à la „Mein Leben in meinem Dialekt“ und ich möchte hier sofort meinen Witz zurückziehen und mich höflich, respektvoll und gelegentlich euphorisch über die ambitionierte Dialektlyrik, die es ja in unserem Land jedenfalls gibt, äußern. Aber das Land hat nun mal seine Stammtische und wenn man am Land Lyrik schreibt, wird man am Stammtisch oder beim Einkaufen oder einfach so bei der Gartenarbeit darauf angesprochen werden. Auch die Stadt Wien hat ihre Stammtische. Ein ganz besonders strenger ist heute unter dem Begriff „Kaffeehausliteratur“ bekannt, ein noch ziemlich übermütiger Stammtisch trifft sich recht regelmäßig in einem gewissen Cafe Anno (bei meinen nächsten Textvorstellungen im November wird darüber zu reden sein), um dort über das Schreiben zu reden, um ein oder mehrere Biere zu trinken und um bei Lesungen präsent zu sein. Dort werden auch viermal im Jahr zwei Literaturzeitschriften präsentiert, das DUM und das &radieschen und dort habe ich auch den jetzt folgenden Autor entdeckt.

An Martin Peichls Schreiben wickelt mich um den Finger, dass er dieses Stadt/Landgefälle nicht kennt. Oder besser gesagt: Er kennt das Land, er kennt die Stadt und er kennt die Wege dazwischen.

Bierdeckelgedichte von Martin Peichl

Bierdeckelgedichte von Martin Peichl. Das Foto stammt vom Blog Neonwilderness, dort findet ihr überhaupt ein tolles Portrait!

Auf Twitter habe ich unlängst geschrieben: „Ich lebe 3 bis 5 Leben und keines davon hab ich im Griff.“ Das trifft’s ganz gut.
(Neonwilderness, auch das Bierdeckelfoto stammt von diesem schönen Blog!)

Ich würde für 2017 in Anspruch nehmen, dass das so wohl nicht mehr gilt. 2017 hat Martin Peichl allerhand Fäden in der Hand und viel im Griff.

Fasziniert von Kurz- und Kürzesttexten schreibt er Gedichte auf Twitter und auf Bierdeckel, die er nach der Lesung verschenkt. Seine Texte haben ein großes Herz (zu verschenken) und ein Glas Bier (vor sich stehen). Er macht Musil-Übermalungen. »Sprache ist flüssig, Sprache schwimmt. Zwischen den Sätzen treibt Bedeutung und ich treibe hinterher«, so beschreibt der Autor sein Schreiben selbst. In seinen Texten treibt eine Heimat ihr Unwesen. Der Blick des Autors ist genau, unnostalgisch und herzlich. Er veröffentlicht in Zeitschriften, Anthologien und auf Blogs und hat vor ein paar Wochen mit seinem Text „Donau, Kanal, Treiben“ den dritten Platz beim FM4 Wortlaut Literaturpreis gewonnen. Gratulation dazu und das Kommende bin ich gespannt!


PETER CLAR (Danzig – Wien) Lyrik und andere Prosa (Manuskript) • ULRIKE SCHMITZER (Wien) Die Stille der Gletscher. Roman (Edition Atelier) • MARTIN PEICHL (Wien) Was bleibt, ist die Stille im 4/4-Takt. Lyrik und Kurzprosa (Manuskript) • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

 

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