Textvorstellungen: Peter Clar, Lyrik und andere Prosa

„Niemand weiß, was ein Gedicht ist“, sagt Peter von Matt in seinem Lyrik-Analyse-Band Die verdächtige Pracht, um dann über mehrere Hundert Seiten zu erzählen, was Gedichte sind. Es geht um den Luxuscharacter von Lyrik, es geht um den Widerspruch zwischen „schön“ und „wahr“ und was von beidem Kunst nach unserem Kunstbegriff sein solle.

Später präzisiert Peter von Matt: „Das Gedicht will schön sein. Das ist seine Peinlichkeit, sein Skandal, ist der Dorn im Auge des regierenden Kunstbegriffs. […] Wir haben uns bequem eingerichtet mit der Regel, daß die Kunst „wahr“ sein müsse, die Wahrheit aber nach dem Kenntnisstand des 20. Jahrhunderts keineswegs „schön“ sei. „Wahr“ könne nur sein, was nicht schön ist. Also ist, was schön ist, nicht wahr, ist Lüge. Also will eine Gestalt der Literatur, die ihrem innersten Wesen nach schön sein will, ihrem innersten Wesen nach lügen, sie ist verlogen von Grund auf. Hier liegt der Ursprung allen Verdachts gegen die Lyrik.“ (Peter von Matt, Die verdächtige Pracht, S. 11

Niemand weiß also, was ein Gedicht ist. Aber natürlich erkennen wir ein Gedicht, wenn es vor uns steht und poetisch rumposed. Hans Magnus Enzensberger hat für die schweizer Zeitschrift DU das Gedicht wie folgt definiert:

Gefürchtete Textsorte, erkennbar an einem linksbündigen Zeilenfall, der rechts weite Teile der Druckseite freilässt.
(DU 739, 2003, Was Zeitgenossen wissen müssen, von A – Z, S. 32)

Er erzählt dann kurz, wie der Schulunterricht den Hass der potentiell Lesenden auf die Lyrik systematisch schürt, kommt aber zu einem versöhnlichen Schluss:

„Im übrigen irren Menschen, die behaupten, G.de seien ihnen fremd. Personen, die keinerlei solche Texte auswendig können, sind extrem selten. Weithin bekannte G.de sind beispielsweise das Vaterunser, „Hänschen klein“, die Nationalhymne, „I can get no satisfaction“, diverse Abzählverse und, je nach Geburtsdatum, zahllose Schlagertexte, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen.“
(ebd.)

Noch ein bisschen später liefert er noch einen gloriosen Satz.

Auffällig ist die hohe Produktionsrate von Gedichten, von der jeder Redakteur und Lektor ein Lied (!) zu singen weiß. Es handelt sich, soweit wir wissen, um das einzige Massenmedium, bei dem die Zahl der Produzenten die der Konsumenten übersteigt.
(ebd.)

Jetzt ist es aber so, dass die Schule des Denkens, die Peter Clars Schreiben befeuert, ganz grundsätzlich den Dialog zwischen Produzent und Konsument hinterfragt beziehungsweise zu dem Prozess des Lesens Grundsätzliches hinzufügt. Roland Barthes unterscheidet zwischen „texte lisible“, dem vollkommen lesbaren Klartext, und dem „texte scriptible“, dem pluralen Text, der ein aktives Lesen erfordert. Er spricht davon, dass diese Texte bei jedem einzelnen Lesen neu konstruiert werden. Und das war Roland Barthes. Dann kamen noch Derrida, Focault und Judith Butler und viele weitere Vertreter_innen der Dekonstruktion dazu, nicht zuletzt die Wiener Schule rund um Anna Babka.

Bei Peter Clar ist der Fall ja besonders spannend. Er ist selbst Autor, aber auch Wissenschaftler, der dem Autor die Deutungshoheit immer wieder, wenn nicht absprechen, so doch deutlich relativieren will. Bei Symposien zu zb. Barbara Frischmuth sagt er gern in der Einführung, „wir lassen die Meinung der Autorin als eine der möglichen Deutungsmeinungen gerne zu“ und dann lacht er immer so verschmitzt.
Peter Clar ist nicht nur Schriftsteller, er ist Wissenschaftler und er ist eifriger Leser vieler und unterschiedlicher Texte. Er zerlegt schreibend das Ganze in seine Einzelteile und verschiebt Ebenen wie Bedeutungen. Der Zusammenhang muss zerschlagen werden, um Neues zu schaffen. Mit internationalem Referenzrahmen und Liebe zur Theorie arbeitet er nach zwei Romanen „Nehmen Sie mich beim Wort“ (Sonderzahl, 2009) und „Alles was der Fall ist“ (Sonderzahl, 2011) an einer Textsammlung, aus der er Auszüge präsentieren wird. Zuletzt veröffentlicht und ein großer Lesetipp:

wonnenbrand

Wonnenbrand (Peter Clar & Markus Köhle)
Lyrik. Graz u.a.: Edition Yara, 2017. 67 S., Taschenbuch., ISBN 978-3-9504308-5-1
Bestellung auf Anfrage – Hier –

Viele Infos zu Peter Clar!


PETER CLAR (Danzig – Wien) Lyrik und andere Prosa (Manuskript) • ULRIKE SCHMITZER (Wien) Die Stille der Gletscher. Roman (Edition Atelier) • MARTIN PEICHL (Wien) Was bleibt, ist die Stille im 4/4-Takt. Lyrik und Kurzprosa (Manuskript) • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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