Textvorstellungen: Dominika Meindl, Gábor Fónyad, Elias Hirschl

Textvorstellungen (6.6.2017, Alte Schmiede, Wien) – Motto: Von Heren und Kunften – Was? Wie? Mit wem?

DOMINIKA MEINDL (Linz) Die Angst im Wald. Prosa (Manuskript) • GÁBOR FÓNYAD (Wien) Es regnet in meinem Radio. Bildunterstützte Kurzprosa (Manuskript) • ELIAS HIRSCHL (Wien) Sicherheitslöwen und Möbiusbänder. Prosa (Manuskript) • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA

alteschmiede juni

Zwei Begriffe sind in letzter Zeit virulent gewesen: Fake News und Filterbubble.

Und tatsächlich hängen die eng zusammen und haben mit uns – heute und früher – sehr viel zu tun. Was heute unsere Filterbubble ist, war früher die Heimat: Das, wo wir her kommen. Das, was und wie dort geredet wird. Was an Zugang zu z.B. Kunst und Kultur dort verfügbar ist. Die Instanzen der Beglaubigung und des Diskurses sind immer sowohl regional (der Pfarrer, die Lehrer_innen, der Stammtisch, die regionalen zeitungen) und auch überregional (das Fernsehen, heute natürlich auch das Internet, obwohl mir manchmal vorkommt, das Internet ist das Regionalste von allem).

Wenn wir in Österreich über Herkunft und Regionalität reden, müssen wir immer auch über die Position Wien versus Bundesländer reden.

Wien ist tatsächlich gleichzeitig regional und überregional. Es ist vielleicht deshalb der einzige Ort in Österreich, wo du hinziehen kannst, und behaupten kannst, du bist von hier, ohne dass du die Ahnenreihe bis in die Großeltern auf den Stammtisch legen musst.

Wir haben jetzt also regional und überregional als Instanzen des Diskurses festgelegt, kommt noch dazu eine Sonderform der Überregionalität: internationale Diskurse.

Diese Filterbubbles sind immer wieder durchbrochen worden. Einerseits durch Menschen, die sich bewegt haben, im Rahmen der Ausbildung, vom Militärdienst, weil sie wegen der Liebe oder des Berufes umgezogen sind. Und auch, weil sie oder ihre Eltern, freiwillig oder unfreiwillig ihr Heimatland verlassen haben und sich in eine neue Sprache und neue Kultur eingeschrieben haben.

Wir haben heute 3 Beispiele für einen sehr unterschiedlichen Umgang mit dieser Filterbubble Heimat versammelt. Der Abend handelt also von Herkunft und Weggehen, vom Ankommen, vom Wechseln zwischen Szenen und Heimaten und Diskursen. Weil wir alle ja in Wahrheit in kulturellen Schnittmengen leben, mobil sind, von unterschiedlichen Einflüssen geprägt. In den Postcolonial Studies nennt man das, die Abkehr von der Single Story.

Es ist vielleicht ein bisschen gewagt, an einem Abend, der sich zwischen den Zentren Oberösterreich und Wien hin und her bewegt, Postcolonial Studies zu bemühen, aber, hey, wenn der Schuh passt.

Denn: Eine Filterbubble bedingt aber nicht nur, was man erfährt, worüber man wie informiert ist. Eine Filterbubble ist, als das, was uns umgibt, immer auch unser Adressat. Für die Kunst, die wir machen.

Damit möchte ich noch eine Schichtung erwähnen, die für den heutigen Abend Relevanz hat. Es kommen auch unterschiedliche Lösungsansätze für den Umgang mit der Trennung zwischen E- und U-Kultur zu Wort.



Gábor Fónyads
Debütroman »Zuerst der Tee« erschien 2015. Sebastian Fasthuber vom Falter sagt darüber: „Fónyad hat eine Parodie auf den Wissenschaftsbetrieb und eine ziemlich kitschfreie Liebesgeschichte geschrieben.“

Ich sage dazu: Man kann sich eine Heimat erarbeiten, indem man die Grammatik besonders gut lernt. Manchmal ist der Grammatikerwerb auch ein besonderes Symptom der Heimatlosigkeit. Gábor Fónyad (*1983) stellte in seinem Debutroman »Zuerst der Tee« (2015) einen Sprachwissenschaftler vor, der viel über Tschuktschische Kasussuffixe weiß, aber von den Menschen, die diese Sprache sprechen, eher nichts wissen will. In den noch unveröffentlichten Texten aus »Grammatisches Journal« vermischt der Autor Grammatikwissen, Alltags- und Sprachbetrachtungen mit dem Nachdenken über die Welt und das Schreiben. Um eine Bildkomponente erweitert, versucht er in »Es regnet in meinem Radio« das greifbar zu machen, was man aus den Augenwinkeln wahrnimmt: Flüchtiges, Gewichtiges, Verspieltes.

Gábor Fónyad
Zuerst der Tee
Verlag Wortreich
Hardcover, 200 Seiten, € 19,90, ISBN 978-3-9503991-7-2


Dominia Meindl (*1978) behauptet die Selbstüberschätzung und lebt die Bescheidenheit. Sie veröffentlicht auf Bühnen und in Büchern, in Zeitschriften und dem Web 2.0 (Blog, Social Media). Als Autorin schätzt sie die Polemik ebenso wie die leisen Töne. Ihre Texte sind oft absurd, überzeichnet, dabei genau, beobachtend und auf eine herzliche und unnostalgische Art mit der Heimat verbunden, für die man Gefahr läuft, des Bundeslandes verwiesen zu werden. Sie ist Mitglied der GAV, sowie Mitbegründerin und treibende Kraft der Lesebühne »Original Linzer Worte«.

Gemeinsam mit Klaus Buttinger ist ihr mit »Die Sau. Ein voll arger Heimatroman« (2010, Neuausgabe 2015) ein regionaler Bestseller gelungen; Meindl zeichnet hier für die wissenschaftlich-dekonstruierenden Passagen verantwortlich.

Dominika Meindl, Klaus Buttinger
Die Sau – Ein voll arger Heimatroman
Milena Verlag
Broschur, 147 Seiten, € 15,90, ISBN 978-3-902950-406



Elias Hirschl
(*1994) liebt Umwege, Sprach- und Gedankenexperimente und betritt gern Neuland. Seine Literatur erkundet übereinandergetürmte Metaebenen, liebt Scherze und nimmt sich ernst, ist ernsthaft bei der Sache. Seine Texte sind »ein Verlaufen mit Ziel, ein Stolpern mit Anlauf und Vorsatz« (Markus Köhle) voll formaler Beweglichkeit und fantasievoller Souveränität. Nach den Romanen »Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss« (2015) und »Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt« (2016), Erfolgen in der Poetry-Slam-Szene und als Liedermacher arbeitet Elias Hirschl zur Zeit an seinem dritten Roman, »Hundert schwarze Nähmaschinen« der im kommenden Herbst erscheinen wird.

Was mir an den Texten von Elias Hirschl so gut gefällt, ist, dass er in seinen Texten eine Realität behauptet und diese als absolut setzt. Aus dieser Absolutsetzung zieht er eine erzählerische Freiheit, die mit dem Wort fantasievoll zuwenig beschrieben wird, er schreibt im besten Wortsinn auf eine durchgeknallte Art und Weise.

Seine Texte sind autarke Systeme, in sich stimmig, auch wenn sie sich nicht sonderlich um so Kleinigkeiten wie Naturgesetze kümmern. Ich denke da an Douglas Adams, aber jedenfalls auch an „Aus dem Leben des Hödelmosers“ von Reinhard P. Gruber, weil sich auch Elias Hirschl bei aller Mündlichkeit immer auch einer Kunstsprache bedient. Ich denke an Elias Hirschl, weil ein Hirschltext sehr schnell als Hirschltext zu erkennen ist.

Elias Hirschl bei Milena Verlag:

Meine Freunde haben Adolf Hitler getötet und alles was sie mir mitgebracht haben, ist dieses lausige T-Shirt (2016, 200 Seiten, Broschur, € 17.90, ISBN 978-3-90295-075-8)
Der einzige Dorfbewohner mit Telefonanschluss (2015, 137 Seiten, Broschur mit Lesezeichen, € 17.90, ISBN 978-3-90295-022-2)


 

Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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