Textvorstellungen: Verena Stauffer, Zerlegte Kriegerfiguren und abnehmbare Köpfe.

Verena Stauffers Lyrik ist fest verwurzelt und bodenlos, frei schwebend. Ihr Referenzrahmen reicht von Tierversuchen, toten Babys, Transzendenz zu TTIP, Tigern und dem Tor des Idschtihat, um nur Begriffe mit T aus dem ALLumfassenden Konvolut zu wählen. Dazwischen schmuggelt sich der wiederkehrende Ohrensessel der Oma, den zu erben es gilt. Das Bild vom Ganzen ist zersplittert, die Splitter zu etwas Neuem zusammengesetzt, ohne schnell entschlüsselbaren Sinn, aber nicht ohne Zusammenhang.verena stauffer

Um mich selbst zu zitieren: Verena Stauffers Lyrik ist fest verwurzelt und bodenlos, frei schwebend. Ihr Referenzrahmen reicht von Tierversuchen, toten Babys, Transzendenz zu TTIP, Tigern und dem Tor des Idschtihat, um nur Begriffe mit T aus dem ALLumfassenden Konvolut zu wählen. Dazwischen schmuggelt sich der wiederkehrende Ohrensessel der Oma, den zu erben es gilt. Das Bild vom Ganzen ist zersplittert, die Splitter zu etwas Neuem zusammengesetzt, ohne schnell entschlüsselbaren Sinn, aber nicht ohne Zusammenhang.

Ich würde sogar weitergehen und sagen: Verena Stauffers Lyrik wuchert. Denn sie ist nicht nur im Wortschatz vielseitig, sie zieht auch formal viele Register. Naturbetrachtungen, Zitate eben nicht nur aus der griechischen Mythologie, auch wenn ich Ihnen nicht vorenthalten will, dass Medusa im Konvolut erwähnt wird, und zwar in den schönen Zeilen: „Alles Narzissen! Alles Medea, Medusa, Morta. Plankton. Plankton in der Luft.“

Es findet sich Fremdsprachiges von Englisch bis Latein, Falschschreibungen und immer wieder dazwischen der Ohrensessel der Oma.

Verena Stauffer hat keine Angst vor Reimen, aber es geht auch nicht um unter die Beweisstellung einer Reimtechnik, sie verfällt nicht in einen Reimzwang. Wahrscheinlich weil Zerfall und die kleinen Einheiten aus denen das große, abstrakte Ganze besteht, eine zentrale Rolle in den Texten spielen. Es scheint ja darum zu gehen, das Bild vom großen Ganzen zu zersplittern.

Auch visuell, ist die Lyrik wohlüberlegt und bewusst. Es wird mit Strophen gearbeitet, die Verteilung der Wörter auf dem Papier ist auf unterschiedlichste Weise geregelt. Hans Magnus Enzensberger hat für die Schweizer Zeitschrift DU das Gedicht ja mal wie folgt definiert: „Gefürchtete Textsorte, erkennbar an einem linksbündigen Zeilenfall, der rechts weite Teile der Druckseite freilässt.“ (DU 32) Es wird Sie jetzt nicht überraschen, dass Verena Stauffer die Wörter immer wiedermal auf der ganzen Seite verteilt. Hans Magnus Enzensberger liefert auch deshalb ein gutes Zitat, weil seine Lyrikauffassung eine breite und tolerante ist, er zählt später im gleichen Text „das Vaterunser, „Hänschen klein“, die Nationalhymne, „I can get no satisfaction“, diverse Abzählverse und, je nach Geburtsdatum, zahllose Schlagertexte, bekannt aus Film, Funk und Fernsehen“ als zum Lyrikkorpus zugehörig auf und, ja: Verena Stauffers Sprachmaterial ist gegenwärtig, Nanoteilchen & Elektronen flitzen durch die Texte, ein Kapitel heißt „Maschinenfragmente“, das wurde übrigens in den Lichtungen abgedruckt, so bin ich auf Verena Stauffers Lyrik aufmerksam geworden.

Aber jetzt ist die Popkultur zu groß geredet, sie ist nur einer der vielen Splitter in Stauffers Texten. Mir will scheinen, die Farbe grün spielt eine besondere Rolle, es blüht allerhand in diesen Texten, was mich vermuten lässt, dass die Autorin auch Friedericke Mayröcker gründlich gelesen hat. Jedenfalls freue ich mich über die verspielte Unberechenbarkeit der Texte und ihre Weigerung sich inhaltlich und formal festlegen zu lassen. Diese Lyrik traut ihren Lesern und Leserinnen sehr viel zu, sie vertraut auf unsere Neugierde und Hartnäckigkeit und baut auf unser Selbstvertrauen in dieser Entdeckungsreise, wenn uns diese Texte sehr dringend vor die dringendste Frage stellen: Was ist ein Gedicht eigentlich?

Denn: Verena Stauffers Lyrik hält Ambivalenzen gut aus. So wird gerade im Kapitel „Maschinenfragmete“ besonders häufig und unbekümmert ICH gesagt. So finden sich ausgerechnet im Kapitel „nicht/s“ besonders viele Referenzen zu Schwangerschaften, zu sehr konkreten Begrifflichkeiten wie „Elefant, Mädchen, Seepferdchenmännchen“, aber auch Texte mit Titeln wie „Personne“, also niemand auf französisch, oder „Das Nicht“, aus meiner Sicht ein fast programmatischer Text, der mit den Zeilen beginnt:

Machst es zu etwas

Lässt dich

auflösen


Verena Stauffer hat aus einem unveröffentlichten Manuskript gelesen. Bei Hochroth Wien ist allerdings schon eine Textsammlung erschienen.



Textvorstellungen (DI, 21.3.2017, Alte Schmiede, Wien) – Motto: Zwischen Tisch und Authentisch: Rollenspiele zwischen ICH & DU

PETRA PIUK (Wien) Lucy fliegt. Roman (Kremayr & Scheriau, 2016) • VERENA STAUFFER (Wien) Zerlegte Kriegerfiguren und abnehmbare Köpfe. Lyrik (Manuskript) • JAN KOSSDORFF (Wien) Leben spielen. Roman (Deuticke, 2016) • Lesungen und Textdiskussion • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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