Textvorstellungen: Petra Piuk, Lucy Fliegt

Im Roman Lucy fliegt erzählt Petra Piuk von Lucy, die so viel will, man könnte sie Möchtegern nennen. Lucy heißt eigentlich Linda und ist dem Wiener Gemeindebau zwar ent-, aber sonst noch nicht sehr weit gekommen. Süchtig nach Bewunderung, beziehungsunfähig und ziemlich isoliert, ist sie gefundenes Futter für alle, die den einfachen Weg nach oben versprechen. Eine Geschichte vom Aufstieg in den freien Fall ins Bodenlose!

lucyfliegt

Heute geht es ums Rollen spielen, um die Bühne und das Leben. Im Theater gibt es die Kategorie des „Mädels aus der Vorstadt“. Auch in erzählerischen Texten finden sich Geschichten von jungen Frauen, die in der Großstadt ihr Glück versuchen und vielleicht sogar erzwingen wollen. Schnell fällt mir ein: Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“, Lili Grüns „Alles ist Jazz“ oder, um den Sprachraum zu wechseln, Anita Loos‘ „Gentlemen Prefer Blondes“, also „Blondinen bevorzugt“. Veronika Schuchter, die „Lucy fliegt“ für die Furche rezensiert, fühlt sich an Arthur Schnitzlers „Fräulein Else“ erinnert.
Oft fungiert in diesen Texten das Theater als Ort der Freiheit, die halbseiden und mehr als einen Hauch unmoralisch ist, aber auch eine Möglichkeit der weiblichen Berufstätigkeit und Unabhängigkeit in schwierigen Zeiten.
Ersetzen wir das Theater mit dem Fernsehen und das „Spielen Wollen“ mit dem „Berühmtsein Wollen“, was ein wenig verborgener Wunsch nach „Gesehen und Wahrgenommen werden wollen“ ist und wir sind schon bei Petra Piuks Roman „Lucy fliegt“. Die Titelheldin nennt sich Lucy, heißt aber eigentlich Linda, ihre Brüste heißen nochmal anders und Lucy will hoch hinaus und das um jeden Preis.
Lucy ist nicht besonders nett, sie ist in ihren Beziehungen unaufrichtig, sie ist in ihrem Getriebensein egoistisch, sie hat allerdings auch Momente der Großzügigkeit, als zum Beispiel ihr erspartes Geld für den Flug nach Hollywood geklaut wird, und sie gelassen bleibt, vielleicht sogar ein bisschen erleichtert, heißt das ja auch, dass so nie herauskommen wird, ob sie für Hollywood das Zeug gehabt hätte.
Aber stimmt das überhaupt? Lucy erzählt uns das, um den Literaturblog buecherwurmloch.at zu zitieren, in „einem atemlosen, gehetzten Monolog voll unfertiger Sätze und Ich-red-mir-ein-dass-alles-gut-ist-Mantras“. Im Laufe des Romans verstrickt sich Lucy zunehmend in Widersprüchen, sie ist eine unzuverlässige Erzählerin und die Autorin Petra Piuk hält sich raus, greift nicht klärend ein, abgesehen von den kursivgesetzten und vorangestellten Kapitelzusammenfassungen. Was diesen Roman so besonders gelungen macht, dass diese Widersprüche notwendig sind, denn es geht um Verdrängtes, um Tabus, es geht tatsächlich grundsätzlich um die Frage, wieviel wollen wir Lucy glauben und wieviel dürfen wir Lucy glauben. Das tut weh. Geht es doch, um Michaela Frühstück vom ORF (ich glaube, es war für einen Radiobeitrag in Radio Burgenland) zu zitieren, um: „Lieblosigkeit, Drogen, Gewalt, bitteres Leben in prekären Verhältnissen.“
Nochmal zurück zu Arthur Schnitzler, der ja zeitgleich mit James Joyce hier in dieser Stadt und von dieser Stadt beeinflusst, den Inneren Monolog erfunden, es geht um das Ungesagte und das Unsagbare, um das was wirklich passiert ist, während wir an der Oberfläche plaudernd eine Identität behaupten. Die formalen Elemente dieses Romans sind also gut gewählt und notwendig für das zu Erzählende.
In den Rezensionen zum Buch wird vor allem die Satire betont, das Schrille, das Skurrile, die scharfe Medienkritik. Was in den Rezensionen für mich völlig unerklärlicherweise nicht steht, ist das „Lucy fliegt“ tatsächlich auch sehr lustig ist. Petra Piuk gelingt es, ihre Figur eben nicht vorzuführen und sensationsgeil ihr (mögliches) Scheitern zu dokumentieren, ebengenau darin unterscheidet sich das Buch von den Casting Shows, die es ja tatsächlich kritisieren will.


Petra Piuk
Lucy fliegt
Kremayr & Scheriau
Hardcover mit Schutzumschlag, 192 Seiten, 19,90 €
ISBN: 978-3-218-01026-9



Textvorstellungen (DI, 21.3.2017, Alte Schmiede, Wien) – Motto: Zwischen Tisch und Authentisch: Rollenspiele zwischen ICH & DU

PETRA PIUK (Wien) Lucy fliegt. Roman (Kremayr & Scheriau, 2016) • VERENA STAUFFER (Wien) Zerlegte Kriegerfiguren und abnehmbare Köpfe. Lyrik (Manuskript) • JAN KOSSDORFF (Wien) Leben spielen. Roman (Deuticke, 2016) • Lesungen und Textdiskussion • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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