Textvorstellungen: Jan Kossdorff, Leben spielen.

Jan Kossdorff beschäftigt sich gerne mit originellen Geschäftsmodellen. Nach Kauft Leute, in dem man, nun ja, Leute kaufen konnte, präsentiert er mit Leben spielen die Idee, dass Theater mitten im Leben stattfinden kann, solang sich jemand findet, der dafür zahlt. Wenn aber überall Theater gespielt wird, wo ist dann Platz für das Echte? Was ist das überhaupt? Wann hören wir auf, uns zu spielen, und sind einfach da? Und was bleibt von den Träumen anderer Menschen übrig, wenn man sie möglich macht und nachspielt?

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Denn ganzen Abend geht es jetzt ja schon um Rollenspiele, um Wörter, die Rollen spielen und aus der Rolle fallen, um den Drang eine Rolle spielen zu wollen. Kommen wir zu dem, wo besonders oft eine Rolle gespielt wird, kommen wir endlich zum Theater.

Jan Kossdorff beschäftigt sich in seinen Romanen gerne mit originellen Geschäftsmodellen. Nach Kauft Leute, (Milena Verlag, 2013) in dem man, nun ja, Leute kaufen konnte, präsentiert er mit Leben spielen (Deuticke Verlag, 2016) die Idee, dass Theater mitten im Leben stattfinden kann, solang sich jemand findet, der dafür zahlt.

Der Roman beginnt damit, dass Mischa, ein talentierter Schauspieler, aufhört Theater zu spielen und sich einen „gscheiten“ Beruf sucht. Er wird Anzeigenverkäufer, da kann er seine ausgebildete Stimme und sein Charisma gut gebrauchen, er verliebt sich in Valerie, er zieht sich ins Private zurück.

Was findet er im Privaten, er findet Menschen. Damit sind wir schon bei dem Aspekt der Erzähltechnik, der für mich Leben spielen zu einem sehr besonderen Roman macht. Jan Kossdorff ist sich sehr bewußt, was den Charakter eines Menschen auch ausmacht: Wir definieren uns über unser Vernetztsein, über die Beziehungen, die zwischen uns bestehen.

In seiner Darstellung dieser Beziehungen agiert der Autor sehr sorgfältig, obwohl sich sein Erzähler zurückhält und die Erzählung seinen Figuren überlässt. Fast alles erfahren wir, weil die Figuren mit einer anderen Figur in Interaktion treten, darüber, was und wie sie über sich selbst erzählen, und wie sie sich ihrem Gegenüber anpassen, sich ändern, anders zeigen, weil sie mit Menschen in Beziehung treten. Die Figuren werden uns meist durch die Augen einer anderen Figur gezeigt, die Perspektive wechselt, als Leser_innen sind wir eingeladen uns selbst das Gesamtbild aus diesem Kaleidoskop zu basteln.

In einem Artikel auf dem in unterschiedlichsten Lebensbereichen äußerst zitablen Web-Magazin Jezebel habe ich für diese Narrative Technique den Begriff „adaptation“ gefunden, als „Beschreibung einer Erzähltechnik, die zeigt, das unsere Charaktere nicht fixiert sind. Im echten Leben ändern sich Menschen ständig, abhängig davon, wer sonst noch im Zimmer ist und was man über des Gegenübers Natur und Launen weiß.“

Diese Erzähltechnik, so Catherine Nichols für Jezebel, mache novels addictive.

Adaptation is a kaleidoscopic way of understanding human nature, and a novelistic technique for showing that character isn’t fixed. In real life, people change constantly, depending on who’s in the room, or what they’ve each understood of the others’ nature and mood. Character isn’t only a ball rolling down a hill, these women write it like a game of billiards, with endless potential shifts and ricochets.

Um diese Alltäglichkeit des Spielens, um diese Vermischung von Theater und Leben dreht es sich in Leben spielen auf der Mikro- und Makroebene. So erzählt Mischa der Valerie von seinem Schauspiellehrer Otto:

Otto hat uns gezeigt, dass wir uns nicht davor fürchten müssen zu spielen, weil wir es schon unser ganzes Leben hindurch getan haben. Weil alle es tun! Wir alle spielen eine Rolle, übertreiben, lügen, versuchen, Emotionen zu verstecken oder vorzutäuschen. Zu sein ist zu spielen, die einen können es besser, die anderen schlechter. Interessanterweise nehmen wir Menschen, die wenig Talent für dieses Spiel haben, die sagen, was ihnen einfällt, und ihre Emotionen ausleben, als seltsam oder verrückt wahr. (JK, Leben spielen, S. 46

Besonders nimmt mich für dieses Buch auch ein, dass der Autor sorgfältig und einfallsreich mit den Nebenfiguren umgeht. In sprachlich unterschiedlich gehaltenen Kurzbeschreibungen werden sie mit viel Einfallsreichtum mit Kurzbiographien und Eigenschaften ausgestattet. Was übrigens auch deshalb so gut passt, weil weder Mischa noch sein Freund aus Theaterzeiten Sebastian den großen Durchbruch geschafft haben. Also ist auch, wenn über das Theater geredet wird, immer wieder von Nebenrollen die Rede.

Auch deshalb, aber weil ja, all the world’s a stage ist, und weil ja sowieso immer und überall gespielt wird, entwickeln die beiden eine Geschäftsidee, von der Ihnen jetzt aber Jan Kossdorff erzählen wird, den ich damit um seine Lesung bitten will.


Jan Kossdorff
Leben Spielen
384 Seiten, Deuticke Verlag
Fester Einband
ISBN 978-3-552-06312-9
ePUB-Format
ISBN 978-3-552-06322-8


Textvorstellungen (DI, 21.3.2017, Alte Schmiede, Wien) – Motto: Zwischen Tisch und Authentisch: Rollenspiele zwischen ICH & DU
PETRA PIUK (Wien) Lucy fliegt. Roman (Kremayr & Scheriau, 2016) • VERENA STAUFFER (Wien) Zerlegte Kriegerfiguren und abnehmbare Köpfe. Lyrik (Manuskript) • JAN KOSSDORFF (Wien) Leben spielen. Roman (Deuticke, 2016) • Lesungen und Textdiskussion • Redaktion und Moderation: MIEZE MEDUSA


 

Mieze Medusa ist Teil des Textvorstellungen-Teams der Alten Schmiede in Wien und stellt viermal im Jahr drei Kolleg_innen mit aktuellen Texten vor. Hier auf dem Blog publiziere ich die Einleitungen. Warum? Weil ich die Texte toll finde und gerne auch euch vorstellen möchte!

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