Mikrokredite – Über Joseph Roths „Hotel Savoy“

Frag mich mal, um was es im Hotel Savoy geht! Ich glaube, es geht um Übergangslösungen und um Koffer. Schließlich merkt man sich bei Büchern vor allem das, was einen selbst betrifft, und manchmal noch ein wenig von dem, was einem selbst am Fremdesten ist. In meinem Fall: was mich selbst betroffen hat, damals. Ich war nämlich auch so eine Übergangslösung, mental total auf Transit eingestellt. Hatte meine Koffer gepackt, also meinen Tramperrucksack und war gegen Westen gezogen. Um in Innsbruck zu studieren, nämlich. Untergebracht war ich in einem Studentenheim, das früher mal ein Hotel war. Ein Hotel Savoy. Staubige, dicke Teppiche, ein Küchenbereich, der sich dazu geeignet hat, vielen Menschen gleichzeitig eine Semmel vor die Nase zu halten, aber nicht dazu, dass StudentInnen miteinander kochen, essen und danach die Küche in Ordnung bringen. Aber die Lage war gut und es hatte sowas Imperiales bei einer Studentenparty zu sagen, „Ich wohn im Savoy.“

So gesehen war klar, dass ich, als dann Prüfungsvorbereitung und Leselistenauswahl anstand nicht den „Radetzkymarsch“ aus dem Regal der Bücherhandlung gezogen hab. Das „Hotel Savoy“ war auch dünner und mein sozialer Kalender dicht gedrängt. Dort, im „Hotel Savoy“, sind dann auch alle im Transit, leben auch alle so Übergangsleben. Nur ist ihnen der Zielort ihres Übergangs abhanden gekommen und sie sind in einer unbequemen Stufe ihrer Entwicklung festgefroren, so dass es nur noch darum geht, Woche um Woche Haltung zu bewahren. Am meisten beeindruckt hat mich dann aber doch etwas, das mir selbst am fremdesten war. Am meisten beeindruckt hat mich das Kofferkreditsystem im Hotel Savoy. Wenn du eine Woche deine Miete nicht zahlen konntest, wurde an einem deiner Koffer ein Schloss angebracht, damit war der Koffer und dessen Inhalt verpfändet. Der Besitz von mehr als einem Koffer, mir gestreamlineter Rucksacktouristin ja überhaupt kein Anliegen, war das Äquivalent zum Überziehungsrahmen und das gleichwertige Verteilen der Wertsachen auf die Koffer eine Überlebensstrategie. Survival of the fittest Kofferpacker.

— erschienen in: alleManiak – Zeitschrift der Germanistikstudierenden, Mai 2009, Ausgabe 16.

— ausgegraben auf einer alten Festplatte und mich gefreut. Sofortiger Vorsatz: Mehr Joseph Roth lesen!

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