Gestern hab ich geheult.

Manchmal zeigt fb heute schon, dass ich morgen meinen Account löschen werde. Nur die letzten Tage: Leonard Cohen, Ilse Aichinger und in den Wochen und Monaten davor, soviel Privates erlaub ich mir einfach, auch Menschen, die ich kenne.

Und dann noch Weltpolitik, Wahlen, die auf Arten ausgehen, dass ich den Kopf in den Sand stecken möchte, bis er zu Diamant geworden ist. Und mir fast wünsche, dass L.C. seinen Kopf schon 3 Tage früher in den Sand gesteckt hat, weil, alles muss man wirklich nicht wissen. Und vor lauter selber die Schildkröte machen, habe ich versäumt,  die richtigen Platten aufzulegen, die richtigen Bücher aus dem Regal zu nehmen, mich zu erinnern, mich zu erneuern. Aber natürlich springt mein Stammbeisl ein, dafür ist ein Stammbeisl ja da, und bringt mich nach einem Abend voller Glitzer, Liebe und Freundschaft einfach mal nebenbei dazu zu heulen:

Klar, es gibt eine Geschichte dazu: wann ich’s zuerst gehört habe, wer’s mir gezeigt hat (mein Bruder), was es ihm bedeutet (sie haben geheiratet und eine meiner Lieblingsbeziehungen mit 3 meiner Lieblingskinder, ich könnte Lieder drüber schreiben, wie sehr ihr mich beeindruckt und dann mach ich’s doch wieder nicht), was mir der Song bedeutet, was er in mir eingeschrieben hat…

Die Wahrheit ist aber: Spannender ist die Geschichte, die der Song selbst erzählt. Mit reduzierten Mitteln. Mit Sprache. Mit Rätseln. Mit einer Intensität, die andere auf ein Lebenswerkchen ausdehnen und das ist immer noch respektabel. Ganz / vielleicht / möglicherweise habe ich alles übers Schreiben, über Timing, über Rhythmus (naja, okay, HipHop hab ich auch jede Menge gehört) hier gelernt:

Yeah, and thanks, for the trouble you took // from her eyes //  I thought it was there for good so I never even tried // And Jane came by with a lock of your hair /  She said that you gave it to her /  That night that you planned to go clear // Sincerely, L Cohen

Und dann noch: Ich hätte ohnehin vorgehabt, hinzugehen. Ilse Aichinger wird 95, ihr Roman „Die größere Hoffnung“ ist eines der Grundbücher österreichischer Literatur, das wird präsentiert in der Alten Schmiede, einem meiner absoluten Lieblingshäuser in Sachen Literatur. Aber schon vorher war ohnehin klar: Ich muss arbeiten. Die Lesung beginnt um 18:00, mein Workshop dauert bis 20:00, das geht sich nicht aus. Auch dann nicht, wenn ich kurz davor erfahre, dass Ilse Aichinger gestorben ist. Auch nicht, als ich nachher erfahre, dass Ilse Aichinger die Autorin war, die vor 40 Jahren die allererste Lesung in der Alten Schmiede … ich wäre so gerne dabei gewesen.

Man versäumt immer nur sich selbst.
sagt das Internet, hätte Ilse Aichinger gesagt. Ich überprüf das morgen. Weil „Die größere Hoffnung“ grad etwas ist, was ich wirklich gut brauchen kann. Und weil es zu lange her ist, dass ich den Roman mit glühenden Ohren und einer inneren Aufregung, die verhindert hätte, dass jemand eine Notwendigkeit gesehen hätte, Energydrinks zu erfinden, gelesen habe.  Aber eigentlich: Egal, ob das Internet den Satz sagt oder Ilse Aichinger: Es gibt Dinge, die uns helfen, uns nicht zu versäumen. In diesem Sinne kann ich nur Danke sagen. Und heulen. Und mich trösten lassen. Und morgen machen wir alle weiter. // Danke.
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