Karen Duve – Macht

Eigentlich bin ich ja immer froh, wenn sich eine von mir geschätzte Autorin der Dystopie, der Science Fiction, des Genreromans annimmt und das Genre dabei ernst nimmt. Deshalb war ich aufgeregt, als Karen Duves Roman „Macht“ plötzlich auf den Büchertischen lag. Der Klappentext verspricht viel, der Text hält das Versprochene nicht ein und irritiert mich nach ein halbes Jahr später.

Noch nie war Liebe so finster und Weltuntergang so unterhaltsam.

Frauen haben die Regierung an sich gerissen, Pillen geben ewige Jugend, religiöse Endzeitsekten schießen wie Pilze aus dem Boden und ein genervter Mann kettet seine Frau kurzerhand im Keller an …

Und es ist schon hart, was erzählt wird. Eine egoistische Welt voller Menschen, die Jungaussehen über Gesundheit stellen und die sich feiernd damit arrangiert haben, dass sie die letzte Generation vor dem Weltuntergang durch Klimawandel sind. Der Ich-Erzähler, unsympathisch und wehleidig, kann weder mit seinen Kindern was anfangen, noch mit seiner Ex-Frau, die er kurzerhand in den Keller gesperrt hat und dort foltert und quält, während er gleichzeitig das real existierende Matriachat behauptet.
Von dem übrigens eigentlich wenig Spuren im Buch zu finden sind. Ja, es gibt weibliche Politikerinnen, aber die männlichen Stimmen der Macht sind auch immer wieder zu hören. Das vom frauenquälenden Ungustl behauptete Matriachat ist eher eine gleichberechtigte Regierungsbeteiligung.

Jetzt ist es ja an und für sich super und literarisch spannend, einen unzuverlässigen Ich-Erzähler zu haben, der Behauptungen aufstellt. Mit der nötigen Distanz müsste ein mündiger Leser oder eine mündige Leserin doch problemlos hinter dessen Fassade schauen können. Aber hier zeigt sich, wie ich finde, ein Konstruktionsfehler des Romans. Die Erzählhaltung ist eben ein Ich-Erzähler ohne Distanz, es gibt keine Erzählstimme oder eine Mehrfigurenperspektive, die die Position relativiert. Gleichzeitig spielt der Roman ja eben in der Zukunft. Das heißt, ich kann als Leserin mich nicht auf meine eigene Welterfahrung verlassen. Ich habe keine eigenes Korrektiv. Der Ich-Erzähler erzählt mir von Jugendpillen und er erzählt mir vom Matriachat, unter dem er leidet. Die Jugendpillen gibt es wirklich (im Roman), die von ihm behauptete Machtlosigkeit der Männer gibt es nicht. Als Leserin würde ich das ohne den Science Fiction Kontext relativ schnell bemerken. Aber so empfinde ich die Erzählhaltung als falsch gewählt.

Was total schade ist, denn sprachlich und thematisch hat mich das Buch gepackt und ist mir ordentlich unter die Haut gegangen. Aber eben: Beim Lesen hatte ich immer wieder das Gefühl des Etikettenschwindels, ich wollte eher ein Buch, dass über ein mögliches Matriachat nachdenkt, bekam aber ein Buch in dem ein Mann in den Keller geht, seine Ex-Frau quälen…

Nun denn: hört selbst. Entscheidet selbst.

 

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