Wilde Ehe / Durchsage

Bei den Lyriktagen in Ljubljana hatte ich die Ehre, Friedericke Mayröcker Texte zu rezitieren und auf einen habe ich auch geantwortet. Ich habe dieses Frühjahr viel Mayröcker gelesen, vielleicht deshalb die Imperativ-Orgie im Antworttext!

/// Update 2016: Gibt’s jetzt auch als Buch. Der Text ist in „Alles außer Grau – Texte to go“ erschienen!

Friedericke Mayröcker

Von meinem Antworttext gibt es eine Aufnahme vom Wortvoll Poetry Slam in Salzburg, mit schickem Licht und Publikum, das des Mayröcker-Lesens unverdächtig ist. Immer ein Experiment: Überlebt der Antworttext auch wenn die Vorlage fehlt? Ich finde schon. Aber für euch AuskennerInnen gibt’s hier auch das Original. Es heißt „Flache Böschung, Bulletin“.

Wie könnte da mein Antworttext anders heißen, als „Wilde Ehe / Durchsage“

Wilde Ehe, Durchsage

Wissen Sie, was mich mal interessieren würd?
Was die Welt macht, während wir in den Hinterzimmern von Vortragsräumen
Bier in was anderes wandeln, ein 24/7
in Hotels hockendes Wir
hoffend auf Ablenkung
vom Festsitzen in Zügen,
was macht die Welt, während wir …
was schafft die Welt, während wir hier Bier in was anderes wandeln,
das wär mir schon was wert, davon zu wissen
stattdessen schon wieder Verspätungsdurchsagen,
die über Verspätungen informieren,
der Lautsprecher kracht, als wär Lyrik was für Maschinensprachen
Umwege erhöhen irgendwas, beim stufenweise
Erklimmen von dem was wir hier so wagen
was will das große L-Wort (Liebe, Lyrik, Leberkäs) und was
hat es zu sagen?
Gib Unterricht!
Liebe das Jetzt! Lebe bedingungslos! Lern was! Wisse, dass du nie genügen wirst,
was nicht nur für dich selbst gilt, sondern für alle anderen auch,
was – seltsam! – fast niemanden stört –
vom immerwährenden Rosenkrieg zwischen Welt und Untergang mal abgesehen,
das wird schon wieder oder nicht,
ich hab was zu sagen:
And I gotta say uuuuh sometimes!

Fühl dich wohl! Hab ein Herz! Rette den Regenwald! Reg dich ab!
Kauf irgendwas mit Glitzer und Giftstoffen! Spuck aus!
Mach das weg! Mach was aus dir! Sing laut, auch wenn du es nicht kannst.
Wisse, das niemals jemand jemals wieder
so klug sein wird, wie der Kalenderspruch in der Wohnküche deiner Oma!
Sei nicht so leichtgläubig!
Leg dich fest! Liebe, was das Zeug hält! Sei ganz du selbst!
Lass das Erkennen zu, auch biblisch von mir aus …
Lebe wie die Wilde. Ehe
ich’s vergesse: Dieser Text braucht eine Schwiegermutter.
Besser wären zwei, vielleicht.
And I gotta say Uuuuhh sometimes.

Was ich dir noch sagen wollte: Die Haut spannt in vollen Zügen.
Die Augen fallen manchmal halbmastmässig Richtung Bodennähe
wie ums Tor flatternde Freunde.
Vergiss die Messwerte! Denk nicht immer an die Welt.
Nimm das Publikum auch mal auf leichte Schultern.
Es ist nur ein Konstrukt aus ungenügend konstruierten Zellhaufen,
die die Stufen zum Vortragsraum erklommen haben, zufällig und ohne Absicht und
mit Erwartungshaltungsschäden,
irgendwas spannt
über Bauch, Beinen und Po,
schließlich danach die Fragen, die Fragen:
wie ist das so als Paar, wenn beide – äh, was war das nochmal was Sie wagen? – ach ja: schreiben?

Wäre ich gemein, ich erzählte, du atmetest im Schlaf nicht immer geräuschlos.
Manchmal, in Zügen, könnte ich sagen, rinnen Speichelfäden
Richtung Kragenweite. Manchmal entgleist dein Gesicht,
dir steht gelegentlich der Mund offen
ob der Unhaltbarkeit der Weichenstellungen,
es könnte sein, sagte ich vielleicht, dir fielen manches Mal die Augen zu beim Vortrag anderer.
Über MEINEN Schlaf verlöre ich an dieser Stelle kein Wort!
Das ist Macht, bis du das Mikrofon ergreifst, mit deinen
Liebesgedichten, für die es sich zu rächen lohnt.
In Vortragsräumen träumen wir davon, dass das Publikum zu trennen verstünde
zwischen uns und dem was offen bleibt,
wenn mein Gedicht ICH sagt oder Du, doch ICH:
Well! I gotta say Uuuuhhhh sometimes!

Mach’s gut, lyrisches Du!
Lass mich Jandl sein zu deiner Mayröcker oder umgekehrt
doch was die Frage betrifft, wertes Konstrukt aus zufällig versammelten Zellhaufen,
die – äh – Frage!
Wie ist das so als Paar, wenn beide – ähm – schreiben?

Nachdem die Tage vergangen sind
gute Nacht guten Morgen, gute Nacht guten Morgen, gute Nacht guten Morgen
ist endlich vielleicht endlich möglich
Frau zu sein eines großen Mannes, und selbst auch
Dichterin, denke ich
hockend in Hotelzimmern, hoffend

(für Markus Köhle)

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