Sprachlos in Ankara!

AnkaraVon Ankara weiß ich vor Ankunft nicht viel. Klar, Hauptstadt, klar groß, klar, hat einen Flughafen. An dem komme ich an und finde meinen Koffer nicht. Weil ich in Istanbul umgestiegen bin und deshalb beim nationalen Terminal durch die Kontrollen gewunken werde, mein Koffer allerdings am International Terminal auf mich wartet. Das ist ein Problem, das sich einfach lösen lässt, auch mit Sprachkenntnissen, die über „merhaba“ und „teşekkürler“ nicht hinausgehen. Weil einfach alle ratlos aussehenden Menschen ohne Koffer mit Gesten Richtung International Terminal geschickt werden.

Bei der Fahrt in die Stadt wird schnell klar, wie groß Ankara ist! 4 Mio. Einwohner, vor 100 Jahren waren es noch 20.000. Das erklärt die Neubauten, die architektonisch an den „Ottomanstyle“, wie es der Reiseführer nennt, anknüpfen wollen. Bei Nacht werden sie auf eine Art kitschig beleuchtet, nennen wir es 1001-Nacht-Las-Vegas-Style. Überhaupt: Alles was glitzert kann man gut kaufen in Ankara. Ich muss sagen, taugt mir voll.

Ankara Ankara Als Kemal Atatürk Ankara zur Hauptstadt machte, griff er für die Stadtplanung vor allem auf österreichische und deutsche Architekten zurück, was das Stadtzentrum sehr modern aussehen lässt. Clemens Holzmeisters Parlamentsgebäude wollte ich bewundern, wurde allerdings vom Militär verjagt, das den Gärtnern und deren Rasenmähern Gesellschaft leisten soll. Gleich nebenan steht die Kaserne, mit einer interessanten PR-Offensive: Einem riesengroßen Flachbildschirm, auf dem Fotos von Soldaten bei der Arbeit, aber auch in den Armen ihrer Mütter, im Dauerloop gezeigt wurden.

AnkaraIch bin 2 Tage vor dem geplanten Theaterworkshop angereist, will ein bisschen Zeit für mich und die Stadt haben. Ich mache die Stadtführung auf meine Weise, laufe planlos durch die Straßen und bleibe überall sitzen, wo der Kaffee gut aussieht… Auf diesem Weg hole ich mir einen Sonnenbrand und eine Koffeinüberdosis und bekomme ein Gefühl für die Stadt, die mir gefällt, auch wenn sie mir fremd bleibt. Sie ist eine Mischung aus Tradition und Moderne, sie ist teilweise europäisch in dem Sinn, in dem Brüssel europäisch ist. Die Männer tragen Anzug, die Frauen Kostüm. Oder eben traditionellere Bekleidungen.

Ursina Tones, Katrin Eckstein, Mieze Medusa, Stephan Reischl, AnkaraTheater Workshop in AnkaraUnd ich treffe Menschen. Katrin Eckstein von der Österreichischen Botschaft, Stephan Reischl vom Goethe Institut und Ursina Tones, DaF-erfahrene Radioexpertin aus der Schweiz. Mit Stephan und Ursina werde ich zusammenarbeiten, gemeinsam werden wir mit verschiedenen SchülerInnen aus Ankaras deutschen Schulen einen Theaternachmittag entwickeln. Eigentlich unmöglich: Wir kennen uns nicht, die Szenen sollen selber geschrieben und entwickelt werden und geprobt natürlich. Aber ich habe die Ankaraner Jugend unterschätzt. Sprachhürden wurden überwunden, als wären Wörter im Internet nachschlagbar, achso, dass sind sie ja eh 🙂
Das beste ist eigentlich die Bühne: Die hat einen rauf- und runterklappbaren Basketballkorb, weil sie auch ein Turnsaal ist. Ich plädiere dafür, den Korb hängen zu lassen, werde aber überstimmt.

Mieze Medusa, Theaterworkshop AnkaraFun facts aus dem Workshop #landeskunde

  • Conchita Wurst ist bekannter als Mozart.
  • Schnitzel ist hier so wurscht wie Conchita, wird also wenn man es mal kennt, geliebt
  • Redbull ist bekannter als Mozartkugeln
  • Die Antwort auf die Frage „Sind Sie verheiratet?“ wird mit großer Spannung erwartet, die Anzahl der Hochzeitsgäste mit mitleidigem Lächeln abgetan
  • Merkels typische Handbewegung ist in der Türkei, wenn nicht obszön, so doch ein eindeutiger Hinweis auf die Reproduktionsorgane der Frau

Was war also das beste? Der Basketballkorb, die Freude am Theatermachen der AnkaranerInnen? Oder doch die Freizeit? Der Kaffee? Die Sonne? Die Ausstrahlung meines Theatertextes „Freilich ist Österreich“ im ORF2, die ich via wackeliegem Hotelzimmer-W-LAN doch nicht versäume? Das beste ist die Gastfreundschaft und so bekommen Ursina und ich eine Superspezialstadtführung von zwei der Workshopteilnehmer, die es sich nicht nehmen lassen, uns in ihrer Freizeit ihre Stadt zu zeigen. Bei Dunkelheit werden wir auf eine Aussichtsplattform beim Schloss geführt, ohne Geländer, aber mit einem Blick über die glitzernde Stadt. In Österreich stünde an dieser Stelle ein Geländer und ein Betreten-verboten Schild. Wir freuen uns über die Zugänglichkeit und sind halt vorsichtig. Teşekkürler, es war schön, euch kennenzulernen!

Ankara bei Nacht
AnkaraUrsina Tones, Mieze Medusa, Ankara

Theaterworkshop in Ankara
Ankara, Kafkas Market

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