Seiten ändern dich!

Ich hab was sehr Schönes machen dürfen!  Im Rahmen der Aktion „Library Slam – Poetry Slam in den Bibliotheken“ des Büchereiverbandes Österreichs mit Unterstützung des Bundeskanzleramts (always thanking our sponsors)

AutorIn: Mieze Medusa
Kamera/Schnitt/Ton: Andreas Lochmatter (BVÖ)
Gedreht in der Bücherei Philadephiabrücke in Wien
Eine Produktion des Büchereiverbandes Österreich 2014

In den nächsten Wochen werden auch noch die Texte von Markus Köhle, Yasmin Hafedh und Stefan Abermann hochgeladen werden! Österreich liest weiter!

/// Update 2016: Gibt’s jetzt auch als Buch. Der Text ist in „Alles außer Grau – Texte to go“ erschienen!

In meinem flickr-Account gibt es ein paar Fotos vom Entstehungprozess!
Mieze Medusa, Österreich liest,

Seiten ändern dich!

Dein Buch liest dich wie einen offenen Menschen
liest zwischen den Zellen
lässt Welten zwischen Seiten entstehn
in der Zwischenzeit versinkt der Tag im All-das-kann-ich-auch-noch-später-machen
Ach, lass mich nicht links liegen, auf deinem Nachtkästchen
Lach, wenn ich dich berühr, mit aller Kraft, Schätzchen!
Verpass, von mir infiziert, den Schlaf der Nacht, ätzend
dieser Weckerton,
was? Schon wieder Tag,
ich halt die Snooze-Taste gedrückt und bleib im Bett,
Österreich liest weiter, denn
Der Tag ist arg ramponiert, wenn du dein Buch ignorierst, find ich
dein Buch findet dich, zwischen den Zeilen, Mensch und du liegst offen

Dein Buch lernt dich kennen
Zwischen den Seiten lagern sich deine Ich-Sedimente ab
Es macht dich haltbar für später
Lesen ist Erfahrung, Erinnern, Erwerb von erdölähnlich zwischen schweren Deckeln zu Wert gepressten Destillaten deiner Selbst
Dein Buch erinnert dich an dich
Zwischen den Zeilen triffst du beim Lesen dein jüngeres Ich

Damals, als ich dich gelesen hab, hab ich grad für die Matura gelernt
Damals, war ich frisch verliebt, ich hab mich im Kaffee in Amsterdam hinter dir versteckt und über deinen Rand gelugt,
geschaut, ob er schaut oder – Hilfe – näherkommt, was soll ich zu ihm sagen?Dich hab ich geschenkt bekommen, als ich mir beim Fahrradfahren die Knie arg blutig gestoßen hab
Dich mag ich, du hast mir im Krankenhaus die viel zu lang werdende, sich ins Unendlich zerdehnte Zeit verkürzt
Dich hab ich weggelegt, nimm’s nicht persönlich, ich find dich Scheiße
Dich hab ich gelesen als Kind, heimlich unter der Bettdecke mit Taschenlampe und glühenden Ohren
Dich hab ich im TramperRucksack quer durch Europa getragen
Dich hab ich erst später verstanden
Dich nie
Dich find ich gehypt
Bei dir hab ich die Landschaftsbeschreibungen überblättert
Bei dir die Sexszenen geliebt
Bei dir hab ich gleich gewusst, wer der Mörder war
Dich hat wer im Zug vergessen, ich hab dir eine neue Heimat gegeben
Du hast mir meine Welt verändert in guten wie in schlechten Seiten

Seiten ändern dich
Zeilen verschieben Gewicht als wär Fliegen nicht schwer
Ach, lass mich nicht links liegen auf deinem Nachtkästchen
Heul, wenn ich dich berühr, mit den Wölfen der Nacht, Schätzchen
Vergiss, wenn ich dich verführ, was dich heute belastet, denn
Kennst du auch das Gefühl des Versinkens im All-das-kann-ich-auch-noch-später-machen

Leben ist Abenteuer im Kopf
Erinnern ist Taschentücher mit Knopf
Wissen war früher Know Hoff
Vergessen sind Ladenhüter und oft
ist Lesen Behüter von Stoffen, die sich in dir Verweben zu einem Netz, das dich durchzieht wie eine Schatzkarte

Du wurdest verfilmt
Du wurdest mir empfohlen
Du beruhst auf wahren Begebenheiten
Dich hab ich geklaut, tschuldigung, das ist Beschaffungskriminalität und Mundraub in einem, den ich war hungrig nach Lesestoff
Du hast einsam geschaut und lungertest verstaubt und vernachlässigt, im dunklen hintersten Eck der Bibliothek rum, ganz weit weg, von den Bestsellern, ich hab dich mit nach Haus genommen zum Kennenlernen und in dich reingeblättert, das war ganz nett. Dann hab ich dich zurück gebracht
Du hast bei einem OneNightStand auf dem Klo gelegen, ich kann mich an dich besser erinnern, als an ihn und das wohl mit Grund
Bei dir hat jemand die falschen Stellen mit Leuchtschrift markiert
Du hast mich mal getröstet
Du machst mich müde, wenn ich nicht schlafen kann
Du handelst von mir, keine Ahnung, wie das passiert ist
Bei dir mag ich die Bilder
Bei dir den Plot
Bei dir die Sprache
Bei dir den Satz

Denn dein Buch liest dich wie einen offenen Menschen
liest zwischen den Zellen
lässt Welten zwischen Zeilen entstehn und legt dich offen
Was dann passiert, ist Privatsache

Ein Kommentar

  1. Liebe Mieze Medusa! Wieder einmal habe ich mich an deinem Vortrag erfreut. Gerade jetzt, wo ich mir erneut darüber Gedanken mache, wie ich die Kinder zum Lesen motiviere, kommt er richtig gut an. Vielen lieben Dank!

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