Wer frei von Schulden ist… – Symposion Dürnstein

Isabell Lorey, Barbara Brenner, Markus Hengstschläger und Dominik Wujastyk präsentieren unterschiedliche Sichtweisen auf die Themenkomplexe Schulden, Prekariat, Forschung und Wissenschaft…

greece-summary_2219367bIsabella Lorey provoziert das erste kleine Skandälchen bei diesem gutgelaunten Symposion. Sie ist als Nicht-Ökonomin tatsächlich die erste, die mehr als in einem Nebensatz auf die Bankenkrise, die Troika und deren Umgang mit Griechenland und anderen südeuropäischen Ländern eingeht. Der Diskurs über die Schulden Griechenlands ist in Tradition eines katholischen Schulddiskurses, jedeR einzelne GriechIn ist schuld, die harten Strafen werden gesellschaftlich als akzeptabel betrachtet. Die Strafen wären: totale Prekarisierung der Arbeit, Aufweichung der Arbeitsrechte als direkte Folge des Finanzkapitalismus. Die Prekarisierung ist jetzt ein Regierungsinstrument, der Staat legitimiert sich nicht mehr für die Schaffung und Garantie von Sicherheit, es wird über Schulden regiert.

Der Schuldner muss die Zukunft einschätzen und garantiert eine zukünftige Performance. Das beutet der Kreditvertrag aus. Die Schuld ist so ein Instrument der Kontrolle im Sinne der Gläubiger. Schuldiger darf nur das Überleben verlangen, nichts darüber hinaus. Es gibt kein Leben jenseits der Schulden.

Das macht tatsächlich jemanden im Publikum wütend. Es gibt eine Wortmeldung von einem, der laut Selbstaussage eine berufliche Vergangenheit in einer systemrelevanten Bank hat: „Bitte, warum genau wäre der Finanzkapitalismus schuld an der Prekarisierung der Arbeit?

Darf ich mich an einer Antwort versuchen? Weil der Finanzkapitalismus mit einem Renditeversprechen, der aus seiner Aufstellung als Pyramidenspiel, das Geld aus der arbeitsplatzschaffenden oder – sichernden Realwirtschaft abzieht. Kredite werden nicht mehr vergeben um Unternehmungen zu finanzieren, sie werden vergeben, um mit Wertpapieren zu handeln und Wetten auf deren Performance abzuschließen.

Stimmt das so ungefähr?

Barbara Brenner untersucht, wie gutes Leben für multinationale Unternehmen aussieht und verfehlt für mich damt ein wenig den Punkt. Interessant ein von ihr Forschungsergebnis: Bei Outsourcing werden meist nur 40% der erwarteten Einsparungen realisiert.

Markus Hengstschläger liefert ein mitreissendes Plädoyer zur Wichtigkeit von Grundlagenforschung (nicht zielgerichtet und anwendungsorientiert) und deren ausreichender Finanzierung. Dass er das nicht nur für die Genetik sondern auch für die Geistes- und Sozialwissenschaft einfordert, wärmt mir das Herz.
Seine Unterscheidung der Nationen in innovation leaders und innovation followers, die die Innovationen von den leadern teuer zukaufen müssen, leuchtet mir ein.

Dominik Wujastyk stellt die Frage danach, wie eine wissenschaftliche community trust herstellt. Früher über das Konzept des independent gentleman, heute wird Vertrauen in Forschungsergebnisse anders generiert. Toll das Bild von den Affen mit angenähten Fischschwänzen, die in vergangenen Zeiten scheinbar von chinesischen Seemännern an zu wenig skeptischen Gentlemenforschern als Meerjungfrauen verhökert wurden.

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