Rudolf Brunngraber – Karl und das 20. Jahrhundert

Dieses Buch muss ordentlich für Erschütterungen gesorgt haben, als es vor über 80 Jahren erschienen ist. Auch für einen zeitgenössischen Roman wäre die Sprache modern und der Ansatz radikal. Brunngraber mischt Fakten, Statistiken und Hintergrundwissen en masse in seine Geschichte eines Individuums, das von der Welt zerschmettert wird: der 1. Weltkrieg, die Erfindung des Lieferbandes, der Zerfall der Monarchie, die Börse und die Inflation — das alles hat sich gegen das Kind Karl, das nach Bildung und Auskommen strebt, das großteils ehrlich und loyal versucht, seinen Weg zu gehen, das seiner Mutter helfen will, dass nach Sicherheit und Einkommen strebt, verschworen. Wer den Kürzeren zieht, kann man sich vorstellen.
Rudolf Brunngraber

Bei allem sprachlichen Experiment, ist das Buch für die Massen geschrieben und hat diese auch erreicht. Als Fortsetzungsroman für die „Arbeiterzeitung“ konzipiert, wird der Roman seinen ambitionierten, sprachlichen Zielen gerecht, gleichzeitig zieht er die LeserInnen in Bann. Ich hab gefiebert, ich hab gehofft, ich hab mir so gewünscht, dass für Karl ein HappyEnd möglich wird, dass er Unterschlupf findet, dass ihm ein Quentchen Glück in den hart arbeitendenen Schoß fällt. Gleichzeitig ist der Geschichteunterricht ja nicht spurlos an mir vorübergegangen. Nach dem 1. Weltkrieg folgt der Zweite. Die Weltwirtschaft nützt den Krieg zum sich Gesundstoßen. Die Menschheit kommt unter die Panzerradketten. Das ist bis zur letzten Seite spannend und informativ.
Und immer wieder finden sich großartige Sätze in dem Buch:

Die ungemeine Vermehrung der Banken, die in dieser Zeit der Zahlungsmittelknappheit eine Hochkonjunktur sondergleichen hatten, bewieß ihm, daß er gut beraten war.

– Karl macht einen Bankkurs, danach findet er für wenige Monate Anstellungen bei Bankhäusern.

… fand Karl – denn die Großbanken waren überrannt – nur eine schlecht bezahlte Anstellung bei der Winkelneugründung Flügelmann & Co. Das Lokal war vierzehn Tage vorher noch ein Volkscafé gewesen und wurde es nach zweieinhalb Monaten wieder. Für Karl mit der Folge, daß ihm Flügelmann & Co. das letzte Gehalt schuldig blieben. Dafür vermittelten sie ihm, ehe sie eingesperrt wurden, noch einen anderen Posten. Hier, bei Trotmann, Sarfan & Co., dauerte die Devisenwalpurgis viereinhalb Monate. Die Chefs wurden nicht eingesperrt, das letzte Gehalt blieben auch sie schuldig. Nun fand Karl so bald keine Anstellung mehr, er mußte wieder lernen zu hungern. In dieser Zeit setzte er seine Hoffnung auf den Anschluss Österreichs an Deutschland.

Einh beeindruckendes Buch über die Bankenkrise und das Gesundstoßen der Märkte in Form von Weltkriegen. Lesen wir Bücher, lernen wir Geschichte, machen wir es besser!

Karl und das 20. Jahrhundert direkt beim Verlag bestellen!

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