The sixxahood of the travelling pants

Die Mode und der Feminismus haben etwas gemeinsam: Sie befassen sich mit dem Körper. Wie er beschrieben wird. Wie er angezogen wird. Wie er aussehen soll und was daran Politik ist. Kathi Macheiner aka sixxa verweigert sich Klischees, Codes und Theorien und macht genau deshalb unglaublich anziehende Kleidung – nicht nur für die tomboys unter uns.

sixxa - Eva Kraft und Kathi Macheiner sind der Motor hinter sixxa, einem Wiener Streetwear Label für Frauen

Pippi Langstrumpf würde sie mögen, die Shirts und Pullis von Kathi Macheiner. Was sixxa produziert, können wir anziehen, wenn wir aktiv sind. Es geht um Bewegungsfreiheit, Netzwerke, Fairness und Charakter.

„Früher beim Skaten“, erzählt Kathi Macheiner, „gab es zwei Möglichkeiten. Entweder du trägst girl-shirts, aber die sind zu kurz, verrutschen und sind lästig, oder du ziehst die Jungsteile an.“ Ersteres ein nogo für jede Sportlerin, die sich und ihren Sport ernst nimmt. Zweiteres auf Dauer irgendwie unbefriedigend. „Außerdem gab es damals noch nicht viele T-Shirts mit Illustrationen“, erläutert Kathi den Businessplan. Die ausgebildete Grafikerin hat eine Marktlücke entdeckt: Skate-Mode für Mädels, die bequem und hochwertig ist und von durchdachten, individuellen Illustrationen veredelt wird. In ihrem Skizzenbuch tummeln sich die Charaktere, die sixxa ausmachen, schon seit Jahren: Veilchen, Bobby, Pancho und die anderen. Von deren Abenteuern erzählt jede neue sixxa-Kollektion.

Sixxa - Wiener Streetwearlabel für Frauen - we care about character

Einfach tun. Erfahrung im Boardsportbereich sammelte Kathi Macheiner gemeinsam mit Mac und Lilo Krebernik in der eigenen Kommunikationsfirma d.vision. 2004 machte sie sich an das Entwerfen der ersten Kollektion: T-Shirts und Fleecejacken. Die Jacken wurden handgenäht. Von Kathi selbst, aber auch von ihrer Mutter und Schwiegermutter. Ein richtiger Familienbetrieb. Maria König, eine langjährige Freundin, und Eva Kraft, zeitgenössische Tänzerin und bei sixxa zuständig für Kommunikation und Vertrieb, vervollständigen inzwischen das Team. Das Feedback war von Anfang an ermutigend. Also schaltet sixxa einen Gang hoch. Seit 2007 werden die Kollektionen nicht mehr handgenäht, sondern produziert – in Europa natürlich.

Verantwortung unternehmen. „Es war für uns selbstverständlich, dass wir unsere Kollektionen in Europa (Portugal) produzieren lassen, wegen den Arbeitsstandards und natürlich wegen der Umwelt.“ So selbstverständlich, dass am Anfang ein bisschen darauf vergessen wurde, das auch zu kommunizieren. „Da hat uns der direkte Kundenkontakt im eigenen Shop geholfen.“

Den Ablauf kann man sich so vorstellen: auf Stoffmessen einkaufen, dann werden die Prototypen genäht und eingefärbt, bedruckt, bestickt, begutachtet, möglicherweise nochmal verändert, abgenommen, bezahlt und geliefert. Fast jeder Schritt passiert in einer anderen Firma. Ein Problem sind die kleinen Stückzahlen. „Für die Zulieferer sind wir kein wichtiger Kunde. Das heißt, wir können uns nicht auf die vereinbarten Fristen verlassen. Wir werden eingeschoben, wann es passt.“

Der Handel verlangt aber Verlässlichkeit und hat keine Freude mit einem ambitionierten Kleinlabel, das seine Kollektion im schlimmsten Fall erst kurz vor dem Schlussverkauf liefern kann. Die Antwort auf die Frage, ob sie in den ersten Jahren viel gelernt hätten, ersparen mir Kathi und Eva. Als sie vom Lachen am Gang zurückkommen, antworten sie: Ja, gelernt haben sie viel.

Survival of the hippest. Die Marktlücke, die Kathi Macheiner gesehen hat, ist auch anderen ins Auge gesprungen. Die großen Firmen bedienen den Mädelsmarkt und arbeiten mit Designteams, Marktumfragen und großen Marketingbudgets. Auch Shirts mit Illustrationen sind keine Seltenheit mehr. Gleichzeitig ist der Begriff „streetwear“ schwammig geworden. Wieder eine Jugendkultur, die verwässert wurde. Nicht so schlimm. Denn der Begriff ist zu eng für ein Label wie sixxa, das ein Streetwear-Dirndl genauso wie ein Kurzarmsweater im Programm hat. Auffällig ist aber, so Kathi, „dass Mädels in den Magazinen immer noch eher lächelnd neben dem Skateboard sitzend präsentiert werden, nicht als Sportlerinnen.“

Der eigene store hat sich als Problemlösungsfabrik erwiesen. Geplant war er nicht. Der erste, kleinere Laden wurde ihnen von Freund_innen angeboten. Nach einem Jahr wurde der Vertrag nicht verlängert. Anstatt sich entmutigen zu lassen, suchten sich die sixxas einen neuen: größer, besser, zentraler. Jetzt sind sie in der Kirchengasse 22 angekommen und schätzen, den direkten Kund_innenkontakt. Wo wird zuerst hingegriffen, was wird anprobiert, was gekauft? sixxa-Kollektionen folgen ausgefeilten Farbschemata, oft ist die Kapuze innen andersfärbig oder gemustert, immer gibt es ein Detail, eine Applikation an überraschender Stelle. Asymmetrische Illus. Alles passt zusammen. sixxa lässt sich perfekt in Schichten tragen. Mein aktuelles Lieblingsstück: der „Memories Allover Hoodie“, ein dunkelgrauer Winterpulli mit quietschgelbem Druck: Heißluftballons, Wolken, Zuckerstangen.

sixxa - Memories Allover Hoodie - we care about character - www.sixxa.com

Modestadt Wien. Während Kathi und Eva erzählen, wird mir klar, was ich an sixxa so mag. Das Label sitzt zwischen den Stühlen. Für eine Sportmodemarke ist es zu elegant, für die Wiener Modeszene zu wenig fashion: „Wir nähen nicht selbst, sind aber auch nicht Haute Couture. Wir sind nicht nur Boardsport.“ sixxa kommt von der Straße bzw. vom Neuschneehang, aber es ist ein Label für Erwachsene. Für ihre Kollektionen recherchiert Kathi Macheiner lang. Wälzt Bücher, geht ins Pratermuseum, sucht sich ein Motto und übersetzt es liebevoll in die Welt ihrer Charaktere. Völlig stimmig heißen die Kollektionen dann „Peculiar Childhood Memories“ oder „Gangster & Gauner“. Und während es sich lohnt, den Geschichten nachzuspüren, funktionieren die Teile auch auf den ersten Blick. Im Vorübergehen auf der Straße oder beim Vorbeiwedeln im Schnee.

Vor kurzem ist Kathi Macheiner Mutter geworden. Wie sie mit der Mehrfachbelastung umgeht: „Manches habe ich optimiert, anderes bleibt liegen.“ Die „Peculiar Childhood Memories“ gibt es jetzt jedenfalls auch für Babies und Kleinkinder. In ihrer Beziehung gibt es keine Rollenvorgaben. Lilo und Kathi arbeiten und kümmern sich ums Kind. Das ist genauso selbstverständlich wie die Produktion in Europa.

Generation Prekariat. Ein eigenes Zimmer hat die sehr kluge Frau Woolf mal gefordert. Das wäre die Grundvoraussetzung. Aber was machen, wenn unsere Generation sich prekär und auf eigenes Risiko ans Reißbrett setzt?

Sie habe kein Problem damit, auf engem Raum zusammen zu arbeiten. Mit Lilo Krebernik habe Kathi Macheiner schon oft das Büro geteilt, ein sich verzögernder Umbau hat das sixxa-Büro im letzten Jahr in ein Tetrisspiel verwandelt. Es geht darum, das Beste aus einer Situation zu machen, so Kathi. „Ich habe aber immer darauf geachtet, mit dem Rücken zu den anderen zu sitzen.“

Iss, was du tanzst! Eva Kraft kann das auch: das Beste draus machen. Ihre große Liebe gilt dem zeitgenössischen Tanz. Tanzen, seit sie 3 ist, dann Ausbildung am Konservatorium Wien, Tanzen in einer company „bis das Geld weg war.“ Der zeitgenössische Tanz wurde in Österreich von der Politik kaputt gespart. Vor ein paar Jahren stand sie vor dem großen Wieweiter, jobbte rum. Ein Freund erzählt ihr von sixxa. Sie modelt für die Shootings, bietet Choreographien für Modeschauen an, hilft aus. „Es haben immer wieder Mädels gefragt, ob sie bei sixxa arbeiten könnten. Eva war anders. Sie hat immer wieder nachgefragt und sie war wirklich am Projekt interessiert.“

Jetzt tanzt Eva auf mehreren Baustellen: Als Ernährungsberaterin für Tänzer_innen, als Tanzpädagogin, als Co-Leiterin von Salon Emmer und als Chefin vom Dienst im sixxa-Team.

Frauennetze und -fallen. Sixxa hat immer auch andere supported. Z.B. die Wiener Soulsängerin Nomadee oder die Skaterin Fee Bücheler. Auch Mieze Medusa wurde schon in sixxa Pullis gesehen. Es gab im sixxa-Store Mädels-Poetry-Slams, es werden Bücher verkauft und Platten. Die Vinyl-Toys bedienen eine eigene Community. Besonders Highlight: ein Longboard-Workshop mit Fee. Im Hinterhof der sixxa-headquarters treffen sich Mädels zu Miniramp-Sessions. „Daheim steht eine Miniramp. Allein fahren ist fad. Lilo fährt viel besser als ich, da lern ich weniger. Genauso beim Longboard-Workshop. Es ist fein, wenn man sich nicht mit den Jungs profilieren muss.“ Und: Auch ältere Frauen wollen mit dem Skaten anfangen. Bei den Mädels-Sessions kommt jede zum Fahren, egal, wie gut sie ist. Einige sind ziemlich gut.

Sixxa schafft also Möglichkeiten für andere. Seid ihr gut darin, den Gegengefallen einzufordern? „Wir erhoffen uns oft mehr, als zurückkommt“, geben sie zu, „wir sind beide zu wenig extrovertiert, um darauf zu bestehen.“ Im Gespräch stellt sich raus, dass Modemessen den Buchmessen dieser Welt nicht unähnlich sind: Die Geschäfte werden beim Schnappstrinken und Feiern gemacht. Aber, so die sixxa Philosophie (und meine auch): Einfach machen! So gut wie möglich.

Und es geht was! Es gibt Kooperationen mit glorify (Sonnenbrillen) und TSG (Snowboardhelmen). Die aktuelle Kollektion wird gerade ausgeliefert. Alle Kollektinoen finden sich im sixxa Store in der Kirchengasse. sixxa entwickelt sich weiter. Entwickeln wir uns mit!

Tipps für Modemacher_innen

  • Mach ein gutes Unternehmenskonzept
  • Nimm dir keinen Unternehmensberater
  • Monatlich Zahlen vergleichen, nicht erst am Jahresende
  • Starte als Team: Arbeitsteilung für Design, Vertrieb und Marketing)
  • Mach keine Kopf-bis-Fuß-Kollektionen. Spezialisier dich.
  • Nur mit und aus Überzeugung arbeiten.
    (Nachsatz Kathi: „Aber vielleicht ist das ein schlechter Tipp. Mir muss alles immer 100% gefallen. Manchmal behindert das.“

Links:

www.sixxa.com – cares about character

http://sixxa.blogspot.com/ – der sixxa flagstore in der Wiener Kirchengasse 22

http://evakraft.blogspot.com/ – Tipps zu Ernährung & Tanz von Eva Kraft

http://www.salonemmer.at – Das Studio von Eva Kraft, Lisa Lengheimer, Tanja Dinter

Der Artikel wurde im Auftrag für die anschläge geschrieben, eine große Abo-Empfehlung.

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Eine Antwort zu “The sixxahood of the travelling pants

  1. Pingback: 24türchen #12: Sixxa & Ping Pong Poetry | mieze trägt nach·

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