Andri Snaer Magnason – Lovestar

Lovestar ist eine dystopische Schöpfungsgeschichte. Allerlei literarische Quellen werden in den Mixer geworfen, zerhäckselt und neu zusammengesetzt. Märchen (Rotkäppchen), Shakespeares Romeo und Julia, Klassiker der Negativ-Utopie (Brave New World – Aldous Huxley, der sich ja auch schon stark auf Shakespeare und seine Liebesdramen bezieht), Science Fiction (Pattern Recognition von William Gibson oder die Ideen zu Religion, Mündlichkeit und Viralität von Neal Stephenson in Snow Crash) und eine ordentliche Portion Werbestrategien im Zeitalter der Filterbubble könnten die Zutaten sein dieses „isländischen Kultromans“, wie das Buch auf dem Cover beworben wird. An großen Vorlagen arbeitet sich der Autor ab und er tut es erfolgreich.

In dieser Nahzukunftsvision ist die Natur aus dem Gleichgewicht gefallen, die Küstenseeschwalben finden ihren Heimweg nicht mehr und landen in Paris, die Bienen erobern Chicago, der Chicagoer Honig ist angereichert mit Schwermetallen, Giften und Urbanität und wird als psychoaktive Droge gehandelt, Island ist das Zentrum der Welt und Firmensitz von Lovestar, Deathstar und inLove. Der moderne Mensch ist handfrei, immer online und lückenlos überwacht. Man hat ja nichts zu verbergen. Die erhobenen Daten werden ausgewertet und für die Steuerung des Konsumverhaltens der Individuen verwendet.

Pecunia non olet oder: Der Geruch des Geldes

Geld stinkt nicht, heißt es. Doch Geld wird gemacht, unter anderem mit Deathstar, einem Unternehmen, das Leichen mittels alter Raketen in den Himmel schießt und sie dort als Sternschnuppen verglühen lässt. Die Hafenarbeiter, die die Leichen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung umladen, stinken, wenn sie von der Arbeit heimkommen, nach Geld.

Wenn der Kräher dreimal kräht

Apropos Geld. Menschen mit Zahlungsschwierigkeiten vermieten ihre Sprachzentren und „krähen“ Werbeslogans, Terminerinnerungen oder bestellte und bezahlte Komplimente Richtung soziales Umfeld. Eine Stufe weiter sind die Geheimwirte und Werbefallen. Alles ist manipuliert und vermarktet. Sogar die Liebe wird berechnet (inLove).

In dieses Szenario setzt Magnason einerseits den größenwahnsinnigen und ideensüchtigen Lovestar, andererseits ein Romeo-und-Julia-Äquivalentpaar. Wahre Liebe im Zeitalter der Liebe als Ware. Wenn das nur gut geht. Was folgt ist eine Romanhandlung als Werbestrategiehandbuch und ein erschütterndes Offenlegen der Manipulationen, der sich Individuen und ihre Emotionen aussetzen müssen. Was ist Liebe? Was ist Macht? Was ist Werbung? Was ist Mißbrauch? Wieviel Liebe verträgt eine konsumbeherrschte Gesellschaft?

Die Handlung wird noch gewürzt von einer Portion Allmachtsphantasie und dem Nie-genug, das sich als Konstante durch die Menschheitsgeschichte zieht. Es gab bei Testzündung der allerersten Atombombe, so sinniert Lovestar über die Macht von Ideen, die sich mal in einem Kopf festgesetzt haben, eine 20%ige Wahrscheinlichkeit, dass bei Zündung eine weltweite Kettenreaktion stattfinden würde. Was macht der Mensch? Der Mensch drückt auf den Knopf.

Übrigens: Nicht nur die Liebe wird berechnet. Auch Gott wird gesucht und gefunden.

Der Roman gibt zu denken, öfter bringt er uns aber zum Lachen. Er ist ein bisschen wahnwitzig, komisch, gnadenlos gut aufgebaut.

Ganz große Leseempfehlung.

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