Marlene Streeruwitz – Die Schmerzmacherin

Das globalisierte Wiener Mädel aus guter Familie.

Politik spielt in den Texten von Marlene Streeruwitz immer eine große Rolle. Ein Beispiel dafür ist ihre Weihnachtsgeschichte „geschenkt„, die am 22.12. im Standard abgedruckt war: In wenigen Absätzen werden Figuren in ihrer Abhängigkeit zum System, zu Familie, Arbeitsplatz (oder dessen Mangel) beschrieben. Marlene Streeruwitz‘ große Kunst besteht darin, die Figuren individuell bleiben zu lassen obwohl sie als typisch für ihre Generation, für ihre gesellschaftliche ‚Klasse‘ dargestellt werden.

In den ‚Romankernen‘ in der Textsammlung davor, „Mir wird das alles nicht passieren. Wie bleibe ich Feministin“, gelingt ihr eine ganz ähnliche Gradwanderung.

Marlene Streeruwitz

Der Niedergang des guten Hauses
„Die Schmerzmacherin“ heißt der aktuelle Titel der Autorin und es ist ein großer Wurf. Sie lässt zwei Welten aufeinanderprallen: die gute Wiener Familie und den entfesselten Globalismus. Das staatliche Gewaltmonopol ist schon längst aufgebrochen, Sicherheit ist privatisiert. Amy, Tochter aus nur theoretisch gutem Hause, unterzieht sich einer Ausbildung zur Sicherheitsfachfrau. Die Ziele der Ausbildung sind relativ klar: you gotta toughen up. Die Methoden, die Aufgabenstellung und die Anforderungsprofile werden dagegen systematisch verschleiert, das Individuum so auf sich selbst zurückgeworfen. Scheitern ist wahrscheinlich und es liegt mit Sicherheit an dir, an deinem Talent und an deinem Engagement.
Das gehobene Bürgertum, der theoretische Background von Amy, ist im Niedergang begriffen. Die Codes werden nostalgisch zitiert. Lese nur ich da Anklänge an Josef Roth und seine Beschreibung des untergehenden Kaiserreichs?

Amy selbst gehört dieser Schicht nur beinahe an: Sie kennt die Regeln, weiß mit dem jeweiligen Besteck umzugehen und kennt sich bei Pelzmänteln aus. Sie besitzt selber einen, sie hat ihn natürlich ‚geerbt‘. Er wird ihr früh im Roman gestohlen, ein Verlust, dem sie weder nachgeht, der ihr auch nicht viel zu bedeuten scheint: Sie denkt an den Mantel nie wieder. Symbolkraft wird am Ende des Buchs eine Windstopperjacke haben.
Das gute Elternhaus Amys ist dysfunktional bis ins kleinste Detail: Ihre Großmutter hat schon ihre Mutter vaterlos aufgezogen, es steht ein NS-Verdacht mitten im jüdischen Haushalt. Die Mutter ist eine ‚Giftlerin‘, das Kind wird von einer heroinabhängigen Mutter geboren und steht ihre ganze Kindheit unter Beobachtung: Wird sie normal genug sein, ist sie dazu verdammt selbst süchtig zu sein. Ihre Rettung sind die Schottolas, ihre Pflegeeltern. Bei denen erfährt sie Halt, Verlässlichkeit und Liebe, bleibt aber Außenseiterin: die Schottolas sind evangelisch HB und der St. Pöltner Community damit verdächtig genug.

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Die Einzelgängerin und die Globalisierung
Amys Trotz ist ihre Rettung. Sie will dazugehören, sie ist eigentlich motiviert und versucht mitzuhalten. Gleichzeitig reagiert sie auf die Reizüberflutung durch sich widersprechende Anforderungen, reagiert sie auf die Intriegen unter den anderen Auszubildenden mit einer Verweigerungsstarre, die sie unverrückbar macht. Diese etwas starre Trotzhaltung ist aber keine Überlebensstrategie. Sie taugt nicht für ein – ganz schwieriger Begriff – Lebensglück. (Das Ende deutet eine Lösung an: Offenheit und eine zarte Solidarität zwischen zwei Menschen. Schön komponiert: die Solidarisierung passiert als Telefongespräch.“

Foltertraining
Aber Amy ist keine Sympathieträgerin. Ihre häufigen Panikattacken. Ihr Verzicht darauf, irgendeiner Sache auf den Grund zu gehen (wer steckt denn jetzt hinter welcher Intrige, sind die Sympathien und Antipathien letztlich eingebildet, nimmt Amy ihre Umwelt nicht auch sehr verzerrt wahr?). Relativ früh in der Ausbildung befreit sie eine ‚Geisel‘, die wahrscheinlich Teil des Trainings ist. Wen sie da befreit, warum dieser Mensch mitten im Winter fast erfrierend in einem Feld nahe des Ausbildungszentrums im tschechischen Grenzland gefesselt rumliegt, interessiert Amy nicht. Auch die LeserInnen erfahren es nicht.
Amy will dazugehören. Sie will alles richtig machen. Sie wird als Teil des Traininges gefoltert, sie foltert in einem Privatgefängnis in Englang schließlich selbst. Ohne jeden Zweifel, ohne jede Empathie. Das Milgram-Experiment lässt grüßen. Die globalisierte Firma ist der Familienersatz und eine Chance, jetzt endlich mal was durchzuziehen, endlich mal dazuzugehören. Gregory, ein Manager, der vorgibt Amy zu protegieren, dabei aber kaum greifbar wird, fungiert als Erlöser, als Vaterersatz. Und verhält sich moralisch mehr als fragwürdig.

Frauenkörper
Amy ist schön. Cindy ist es nicht. Über Gertrud erfahren wir wenig. Ihre Position im Romanende lässt jede Menge fragen offen: Hat Gertrud wirklich Durchblick und Macht, oder gibt sie es nur vor?
„Die Schmerzmacherin“ ist ein hochliterarisches Buch mit Krimielementen. Es befasst sich mit Globalisierung und privatisierter Sicherheit und stellt gleichzeitig Frauen und ihre Körperlichkeit zur Diskussion. So gibt es zum Beispiel eine Unbekannte, die sich im gemeinsamen Umkleideraum nackt dehnt, dabei bekommt Amy ein Tamponband zu sehen. Blut fließt nicht nur bei Foltereinsätzen, es gibt auch eine detailliert beschriebene Fehlgeburt (inklusive Vergleich der britischen und österreichischen Gesundheitsstandards).

Das Wienertum und die Welt
Eine besondere Stärke des Romans liegt im Einsatz der englischen Sprache und der österreichischen Färbung. Wenn Amy an ihre Familie denkt, denkt sie an das Mammerl (die Großmutter) und an die Bestimammi (die Mutter), sie denkt klar österreichisch gefärbt:

Aber was hatte sie sich geniert für die Eltern Schottola, und was hatte sie sic für das Mammerl geniert. Die Großmutter. Wenn die zu Besuch gekommen war, und was für eine Schmach war es dann gewesen, wenn die Betsimammi dann doch einmal zu den Muttertagsbesuchen aufgetaucht war und das Mammerl noch viel mehr auf sie gewartet hatte als sie.
Und sie. Sie war immerhin die Tochter von der Betsimammi gewesen, und das Mammerl nur die Mutter von der. Sie wäre die Tochter gewesen und hätte sie gebraucht. Alle hatten immer gesagt, dass sie die Betsimammi gebraucht hätte. Aber das Mammerl hatte die Betsimammmi mehr gebraucht als sie. Die Eltern Schottola waren schon in Ordnung gewesen. Sie nahm noch einen Schluck. So ausgemachte Eltern. Eltern, die so ein Kind aussuchten und in Pflege nahmen. Das war doch ohnehin der bessere deal. Da wussten alle, worum es ging, und die Tante Schottola hatte ihr immer genau vorgerechnet, wie viel sie vom Pflegegeld des Jugendamts gespart hatte und was sie vom Wirtschaftsgeld vom Onkel Schottola genommen hatte für sie. Die Kleider waren immer vom Wirtschaftsgeld gekommen. Sonst hätte sie in ihrem Leben nie etwas gleichgeschaut. Sie beugte sich wieder dem Glas zu. Jetzt war das Glas selbst verschwommen, und die verschwommenen Konturen rannen noch weiter auseinander. Weil sie immer schon so hübsch gewesen war, war es nie ein Problem gewesen, das Geld für die Kleider abzuzweigen. Der Onkel Schottola konnte nie etwas dagegen sagen, wenn sie die Sachen dann vorgeführt hatte.

Mit wenigen englischsprachigen Einschüben skizziert Marlene Streeruwitz eine neue Welt: Der etwas gespreizte Businesstalk der nicht muttersprachlichen Auszubildenden im Zentrum im tschechischen Grenzland. Die SprecherInnen sind Ex-DDR, Ex-Polizei oder eben junge Österreicherinnen. Der laid-back Surftalk, wenn Amy dann doch mal vor dem Druck flüchtet und an einen Küste flüchtet. Das unsentimentale Selbstbewußtsein der britischen MuttersprachlerInnen in Nottingham.

„Fish and chips.“ Und ja. „Mushy Peas.“ Der Koch hinter der Essensausgabe stellte den Teller auf die Glasvitrine und wandte sich Hazel zu. Hazel hatte sich hinter ihr angestellt. Hazel nahm den Brokkoliauflauf und Pommes frites. Sie stellt ihren Teller auf das Tablett. Schob das Tablett weiter. Die Colaflasche fiel um. Sie hielt der Kassierin ihre Sicherheitskarte hin.(Hardcover S.253)

Und etwas später.

Hazel trennte die Brokkoli vom Gratin und schüttete HP-Sauce über das Gemüse. Dann nahm sie die Ketchupflasche und schüttelte sie. Sie lächelte. Das wäre eine der wenigen Vorteile dieser Kantine. Es gäbe die condiments noch auf dem Tisch. Irgendetwas sollte der Zugriff auf die Arbeitskräfte hier einbringen. Bennie nahm zum Sprechen den Zahnstocher aus dem Mund. Er schaute Ned an. Der nickte. „I don’t expect any Damascene moments this afternoon, if you know what I mean.“ Die beiden standen auf. Sie führen noch zu „Starbucks“. Sie warfen den Zahnstocher auf den Tisch und gingen. Hazel winkte einem der Insassen in der weißen Cafeteriauniform. Der Mann kam. Er nahm die Tabletts. Er sah Hazel an. Lächelte scheu. Hazel lächelte zurück und wandte sich wieder ihrem Essen zu.
Sie war erstaunt. Warum hatte Hazel zurückgelächelt. Sie hätte erwartet, Hazel würde eine solche Vertraulichkeit zurückweisen.“ (Hardcover, S. 254.)

Die Cafeteria ist Teil eines privavisieten Gefängnisses. An besagten Insassen üben Amy und die anderen dann auch „Verhörmethoden“. Hazels Lächeln ist schon politisch. Mitgefühl für die Gefangenen, sie ja sicher etwas getan hätten um in dieser Situation zu landen. Die also ’selbst schuld‘ sind.

Nebenstränge
In gezielten Nebensätzen bringt Marlene Streeruwitz eine ganze Menge Themen unter: einen Restitutionsfall, Tourismuskritik mit Prostitutionsverdacht im tschechisch-deutschen Grenzland, Privatgeschäfte und Lobbyismus in Afghanistan, Alkohol- und Drogensucht, Vergewaltigung und Mord.
Dass der Roman keineswegs überfrachtet wirkt, dass wenige Sätze oft ausreichen, um ein gesellschaftliches Problemfeld anzureissen ist die große Kunst des Textes.

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