Sibylle Berg – Der Mann schläft

Die Grande Dame des Weltekels schreibt über die Liebe.
Und dieses Mal genügt sie, die Liebe. Macht glücklich, bringt Frieden, schafft Heimat, funktioniert im Alltag. Bis der Mann auf einer Urlaubsreise spurlos verschwindet. Der Albtraum des Mannes, der nur kurz Zigarettenholen geht und einfach nicht mehr wiederkommt, wird konsequent durchgespielt. Auf 2 Zeitebenen wird über das Finden und Verlieren eines geliebten Menschen berichtet.

Widerspruch in sich
Die für Sibylle Berg typische Ambivalenz findet sich in diesem Buch hauptsächlich auf Satzebene wieder.

Für die unklar umrissene Zeit der Anwesenheit des Mannes in meiner Stadt erstellte ich minutiöse Plöne, denn ich glaubte, dass man alles daransetzen musste, der Realität wehrhaft zu begegnen, die bedeutete, dass es keinen wirklichen Grund dafür gab, dass einander unvertraute Menschen ihre zeit miteinander verbrachten.
In der Naivität der Alleinlebenden war ich davon ausgegangen, dass Paare ihre Freizeit intensiv gestalten müssten, weil sich ansonsten die Stille, die zwischen ihnen steht, als bösartiges Geschwür manifestieren würde.
Das Beziehungsmodell, das mir von verschiedenen Kunstformen her bekannt war, basierte auf rein sexueller Anziehungskraft, dei nach einer gewissen Zeit erlosch. Was Partner dann miteinander trieben, blieb unklar und wurde meist als Elend vermittelt.(dtv TB, S. 95)

Dann kommt die Idylle. Die wird zum Beipiel so vermittelt:

Dann ging der Mann, und ich versuchte das Haus warm zu bekommen, ich molk die Kühe, was ohne Kühe natürlich kompletter Unsinn war. (dtv TB, S. 214)

Sibylle Berg - Der Mann schläft

Die Handlungsebene ist verhältnismäßig optimistisch, sogar beinahe brav (wenn man Sibylle Berg kennt). Abgesehen natürlich von der Katastrophe, die über das Liebepaar hereinbricht. Dafür aber gut in der Tiefenstruktur des Textes versteckt. Der Text endet, kurz bevor die Ich-Erzählerin dahintersteigt, was eigentlich passiert ist. Wir sind als LeserInnen nicht klüger als die Hauptfigur, die noch dazu mit ihrer Trauer zu kämpfen hat. Die Handlung selbst hätte durchaus Thrillerpotential, gerade deshalb ist es spannend, wie alltäglich der Text bleibt. So erzählen Opfer eines Verbrechens von ihrem Leben. Sie erzählen von ihrer Trauer, von ihrer Ratlosigkeit. Sie erzählen nicht von den Hintergründen der Tat, sie wissen nichts von den DrahtzieherInnen.

Sogwirkung des Textes
Es hat bei diesem Buch länger gebraucht, bis ich in den Text hineingefunden habe. Das große Bild hat mich überhaupt lang kalt gelassen. Gleichzeitig gibt es auf jeder Seite Sätze, die beim Lesen atemlos gemacht haben. Also weiter im Text. So fiel es dann doch leicht dem Buch bis zur schrittweisen Auflösung des Aufbaus treu zu bleiben.
Die zu beginn scheinbar grundlos montierten Zeitebenen (der einsame Reisebericht in China und die Liebesgeschichte im Tessin) werden zum Ende aber perfekt miteinander verzahnt.

Über das Altern
Interessant ist auch die Darstellung der Ich-Erzählerin als ältere Frau. Auf ganz anderem Weg hat die befreundete Autorin Milena Moser in „Möchtegern“ (auch dafür eine Leseempfehlung) etwas ganz ähnliches gemacht, nämlich eine Frau in Wechseljahrnähe als cool, stark, denkend und individuell präsentiert. So als ginge es jetzt erst so richtig los. Schließlich gilt der schreckliche Song von den 66-jährigen nicht nur für die Udo Jürgens dieser Welt.
Eigentlich ist bloß peinlich, dass das so besonders positiv auffällt. Es sollte ja selbstverständlich sein, oder etwa nicht?

Bitte gern kaufen: Sibylle Berg – Der Mann schläft!
Bitte gern besuchen: Sibylle Berg

Ach ja: Die Grande Dame des Weltekels bei dem Großmeisters des Witzereisens.

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