Zimmer mit alles

Seit einiger Zeit schreibe ich immer wieder mal eine Kolumne für die wunderbaren anschläge! Das wäre die vom Oktober 2010: Zimmer mit alles!

Ersetzt ein Laptop den room of one’s own, den eine Frau neben Geld zum Schreiben braucht, Frau Woolf?
Ich hab ein Zimmer (das Schlafzimmer, das Zimmer für alles außer bügeln), mein auchschreibender Lebensmensch hat ein Zimmer (das Wohnzimmer, das Zimmer für alles außer kochen), gemeinsam haben wir also 2 Zimmer und das mit der Summe, die mehr ist als die Summe ihrer Teile, stimmt: es gibt einen Gang.
In meinem (Zimmer, für die, die den roten Faden jetzt schon verloren haben) steht ein Schreibtisch, aber an dem sitz ich irgendwie nie. Und irgendwie ähnelt der (Schreibtisch, an dem die roten Fäden zusammenlaufen sollen) dem Schreibtisch meiner Mutter, der sich im Kindheitshaus in einem Eck versteckt und auf dem sich unerledigte Briefe, ungelesene Bücher und ungebügelte Wäsche stapeln, aber immer nur kurz.
Auf meinem (Schreibtisch, der mit den roten Fäden und dem Wirrwarr) stapeln sich unbezahlte Rechnungen, ungelesene Bücher, ungehörte CDs, ungewischter Staub und unverwirklichte Ideen. Alles halt, abgesehen von Bügelwäsche und Dokumenten. Das eine habe ich nicht, die anderen bewahre ich vor dem Verschwinden, indem ich sie nicht auf den Schreibtisch lege. Meine Mutter, Ehre, wem Ehre gebührt, ist im Stapelbearbeiten und Staubwischen effizienter.
Aber, Frau Woolf, brauch ich wirklich so ein Zimmer mit Schreibtisch, wenn ich Weltliteraturzugehörigkeit erreichen oder überhaupt was zu Papier bringen will? Ich hab doch meinen Laptop. Der hat einen desk, dessen top öfter bereinigt wird, der Papierkorb wird regelmässiger entleert und die Schubladen sind aufgeräumt. Er hat einen Undo-Button, er hat eine Rechtschreibkontrolle, er hat Musik, er hat ein drahtloses Fenster in den großen Hinterhof der Welt. Ich mag die Verfremdungsvorschläge meiner automatischen Open-Office-Tipphilfe, die der Microsoftvariante an Kreativität haushoch überlegen ist. Ich mag die Schneckenhäuslichkeit meines Laptops, ich trag einfach alles mit mir rum, bis ich Kreuzweh hab, dann setzt ich mich in die Nähe einer Steckdose und trink Kaffee.
Ersetzt also ein Laptop das eigene Zimmer, Frau Woolf, oder geht’s ums daheim bleiben und still sitzen? Ihre Meinung ist mir wichtig, ich wär gern wie Sie, nur halt: in eigenen Worten.

Zeitausgleich Kolumne für die anschläge

Und hier nochmal im schönen anschläge Layout mit der Illustration von Nadine Kappacher!

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