Finn-Ole Heinrich – Räuberhände

Kennst du das? Du kannst an keiner Bücherwühlkiste vorbeigehen, du kommst an keinem offenen Bücherschrank vorbei, ohne ein paar Minuten in Perlentauchen zu investieren. Sowieso kaufst du auch Bücher,  aber du findest sie auch. Mir geht’s gleich. Aber was soll ich machen! Da liegen Perlen rum! Oder hättest du gedacht, dass man in so einem Wühlkorb ein Hardcover von Finn-Ole Heinrichs Debütroman „Räuberhände“ rumliegen könnte?
Eben!
Belohnt. Und nach der Lektüre belesener als zuvor.

2 Jugendfreunde:

  • Ich-Erzähler: ein Junge aus geordnetem, liebevollen, pädagogisch wertvollem Elternhaus
  • Samuel: schon als Kleinkind mitverantwortlich für die saufende Mutter

Die pädagogisch wertvollen Eltern nehmen sich des ‚verwahrlosten‘ Jungens an, adoptieren ihn beinah. Er hat ein eigenes Zimmer, Familienfeste werden nicht ohne ihn gefeiert. Samuel ist wohlerzogen und wird dem eigenen Sohn gelegentlich als Vorbild präsentiert, allerdings ohne allzu lauten erhobenen Zeigefinger. Eigentlich ist das eine Geschichte über den Versuch einer Heilung, über Empathie und Mitleid und Respekt. Über Zusammenhalt und über das Einspringen einer Familie, wenn die Mutter eines Jungen aus welchen Gründen auch immer, nicht in der Lage ist Verantwortung zu übernehmen.

Räuberhände - schönes Hardcover im mairisch Verlag

Über das unter der Oberfläche

Aber natürlich: da ist noch das mit der Ambivalenz. Der Ich-Erzähler ist fasziniert vom ‚Milieu‘ Samuels. Über die Mutter, die mit den Sandlern vorm Einkaufszentrum säuft. Er zieht mit einem dieser Sandler gelegentlich um die Häuser, er versucht mehr über die Männer im Leben von Samuels Mutter zu erfahren: Da ist Samuels Vater, ein Türke, von dem Samuel eigentlich überhaupt nichts weiß. Da ist Joachim, Ersatzvater auf Zeit, der abhaut, nachdem Samuels Mutter ihm immer mehr alkoholgeschwängerte Szenen macht.
Fasziniert ist er auch davon, wie selbstverständlich Samuel die Mutter deckt, wie früh er Verantwortung für sich selbst übernimmt, sich selbst erzieht. Samuel ist ausgesprochen ordentlich und verlässlich, er ist, darauf wird ja immer wieder lobend hingewiesen, jemand auf den man stolz sein kann. Den Druck, der auf ihm lastet, erkennt man am ehesten daran, dass er seine Fingernägel und das Hautbett drumherum zerkaut. Samuel ist der mit den Räuberhänden, eine Metapher, die sich durchs Buch zieht, aber eigentlich nie erklärt wird.

Samuel ist überhaupt nicht eklig oder runtergekommen, er weiß, wie oft er duschen muss, er putzt sich dreimal am Tag seine Zähne und hat beim Essen beide Hände auf dem Tisch. Er ist mir eigentlich zu ordentlich, zu bedacht. Er kann an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne den Sitz seiner Kleidung zu kontrollieren. Er macht jeden Morgen sein Bett. Er bügelt seine Hosen. Es gibt Dinge an Samuel, die verstehe ich nicht. Aber auf jeden Fall hat er nichts Asoziales an sich. (S. 6)

Aber auch die Familie des Ich-Erzählers hat einiges unter der Oberfläche versteckt. Als sich die Eltern kennenlernten, klemmte die Mutter versehentlich die Hand des Vaters in der Autotür ein. Alle Knochen zerbrochen, langer Heilungsprozess, jetzt Quallenhand. Gibt es da Schuldgefühle? Sie werden nicht thematisiert, sie sind schon seit Jahren kein Thema mehr, wenn sie es denn überhaupt jemals waren.

Der Ich-Erzähler ist von der Gesundheit (emotional, organisatorisch, finanziell) seiner Eltern eigentlich abgestoßen. Sieht für sich selbst keine Aufgabe mehr, etwas besser zu machen, kann noch nicht mal ordentlich rebellieren. Vielleicht beneidet er Samuel um sein hardship, Samuel kann stolz auf das sein, was er alleine geschafft hat. Ihm wurde nichts in die Wiege gelegt.

Dann ist da noch die erste Liebe, die sich zwischen die Männerfreundschaft drängt. Torpediert die Samuel? Fühlt er sich gefährdet in seiner Stellung als Zweitsohn? Falls er sie torpediert, bemerkt der Ich-Erzähler nicht. Es gibt Indizien, aber die muss man als LeserIn zwischen den Zeilen suchen.

Sündenfall

Erzählt wird Räuberhände in 3 Zeitebenen. Kindheit, Jugend kurz vor dem Abitur, Reise nach Istanbul nach dem Abitur. Zwischen den letzten 2 Zeitebenen liegt ein Sündenfall, über den ich hier kein Wort verlieren möchte. Lest einfach nach.

Eigentlich gibt es sogar noch eine 4. Zeitebene: Die Kapitelüberschriften (teilweise über mehrere Zeilen gehende Sätze) erzählen ebenfalls eine kurze Geschichte.

Besonders gelungen ist, wie Finn-Ole Heinrich zwischen den Zeitebenen springt. Sie sind erzählerisch unmarkiert: gleiche Zeit, gleiche Perspektive. Oft kommentieren die ersten Sätze der neuen Zeitebene, das davor Erzählte. Die Ebenen werden zu einem Gesamtbild verwoben. Der Ich-Erzähler ist nicht immer sympathisch, aber seine beobachtene Neugierde nimmt zumindest mich immer für ihn ein. Die Sprache spiegelt seine Haltung wieder: genau, poetisch, nachdenklich. Mit Ambivalenzen wird nicht hinter dem Berg gehalten, sie werden aber auch nicht schreiend seziert. Es gibt einen Puffer zwischen dem Ich-Erzähler und der Welt. Der Puffer hat mit Samuel zu tun, mit der Gewissheit, wie gut es ihm denn nicht eigentlich geht, auch wenn es ihm grad nicht ganz gut geht. D

Finn-Ole Heinrich

Mutterbilder

Gut hat mir auch gefallen, wie Familien dargestellt werden. Gerade beim Mutterbild wird mit Tabus gebrochen. Die saufende Mutter wird nie für einen billigen Witz verwendet, auch wenn sie bei einem Geburtstag so kotzt, dass Samuel erste Hilfe leisten muss, was er kann (und seit wie vielen Jahren schon bleibt offen). Trotzdem behält sie ihre Würde. Über ihr Glück wird nachgedacht, ihre Liebe zu ihrem Sohn nie in Frage gestellt.

Uneingeschränkte Kaufempfehlung!

Finn-Ole Heinrich – Räuberhände @ tubuk.com

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