Hiromi Kawakami – Herr Nakano und die Frauen

Beim besten Buchhändler der Welt, das ist der mit dem guten Sortiment und dem guten Kaffee,  ist mir ein Buch in die Hand gesprungen. Aus einem Eck der Welt, das mir literarisch eher unbekannt ist, bis auf Oes Therapiestation. Japan, the big unknown!

Hiromi Kawakami ist mit „Herr Nakano und die Frauen“ ein Buch gelungen, das Ambivalenz, Lust, Mißverständnisse, (un)glückliche Liebe und Familienverhältnisse ehrlich beschreibt, aber nie die Leichtigkeit des Seins aus den Augen verliert.

Hitomi, die Ich-Erzählerin, arbeitet in einem Trödelladen in Tokiol. Der Chef, Herr Nakano, geht ins Love-Hotel, wenn er vorgibt zur  Bank zu gehen. Dem Laufbursche Takeo fehlt ein Fingerglied und die Fähigkeit zu kommunzieren. Die Schwester des Chefs ist Künstlerin und Verkaufstalent, mischt sich immer wieder in die Belange des Trödelhandels ein.

Hitomi und Takeo beginnen sich zu treffen, auf Hitomis Initiative.

Wieder nach Seife duftend, traf Takeo ein. Einen Moment lang dachte ich, dass ich auch hätte duschen sollen, aber dann fiel mir ein, dass ich absichtlich nicht geduscht hatte, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich erwarte etwas Bestimmtes. Eine Liebesbeziehung war, weiß Gott, nicht einfach. Das Schwierigste war für mich zu entscheiden, ob ich überhaupt eine Liebesbeziehung wollte.

Ach, ich lasse es einfach laufen, wie es läuft, ermutigte ich mich leise selbst und hob zur Begrüßung die Hand. Hallo, sagte Takeo. Es klang vertraut und gleichgültig.

„Was willst du laufen lassen?“, fragte er.

„Du… du hast aber ein gutes Gehör“, stotterte ich. Er kam mir gar nicht mehr vor wieder Takeo, den ich kannte, sondern wie „ein Mann namens Takeo“.

Erzählt wird aus Hitomis Ich-Perspektive. Mit allen Gedankensprüngen und freien Assoziationen, aber in kurzen, prägnanten Sätzen. Auch der Umgang mit direkter, indirekter Rede und erzählten Gedanken ist frisch und unbekümmert und präzise zugleich.

Hitomi beobachtet viel, wünscht sich allerhand, weiß aber oft nicht, was sie konkret erhoffen will. Ihre Beobachtungen erzählen viel über das urbane Japan, über Take-Away-Food, über Unsicherheit. Nichts wird erklärt von einer allwissenden Erzählerin, aber durch die genauen Beobachtungen, durch die klug gesetzten Kommentare der Figuren, die dabei aber oft auch über sich selbst reden, nicht über Hitomi und ihre Probleme, weiß man als Leserin mehr als die erzählende Hauptfigur.

Ein leichtes Buch über schwerwiegendes. Sehr schön!

Get it @ tubuk!

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