Selim Özdogan – Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist

Ein Roman, dem der Westernanklang im Titel gut zu Gesicht steht. Alex Blau, Romanheld, verhinderter Schriftsteller und motivierter Trinker, erlebt zwar echte Freundschaft und wahre Liebe, gefällt sich aber trotzdem ausnehmend gut in der Rolle des Maverick, des einsamen Wolfs. Über den Zeitraum von einem Jahr, vielleicht sind es zwei, hören wir seinen Gedanken zu, die gelegentlich von den Standpunkten seines Gegenübers (Henrik, Kai, Esther oder Nina) unterbrochen werden, aber selten in direkter Rede, oft vom in sich versunkenen Ich-Erzähler wiedergegeben. Es gibt keine Distanz zwischen Erzählhaltung und Hauptfigur, mit einer Prosa voll Rhythmik und Schwung werden wir ins Leben von Alex hineingezogen und leiden mit. Eigentlich gibt es gar nicht soviel zu leiden: Das Leben von Alex läuft zwar ohne Richtung vor sich hin, aber es läuft auch keineswegs unangenehm. Trotzdem platzt dem Ich-Erzähler fast der Kragen vor lauter Ennui:

Es war ein Sommerabend, mein Bier war kalt, der Fernseher flimmerte in dem halbdunklen Raum, und ein leichter Wind kam durch das offene Fenster. Ich saß im Sessel, die Füße auf dem Tisch, eine Zigarette im Mund, und starrte abwesend auf die bunten Bilder, es lief ein Krimi, einer von denen, die man auch versteht, wenn man nur die letzten fünf Minuten sieht. Es waren noch genug Erdnüsse auf dem Tisch, es war genug Bier im Kühlschrank, ich hatte 5000 Mark auf dem Konto, vielleicht hätte ich mich wohl fühlen können, ich weiß es nicht, nenn es Sommerloch oder nachpupertäre Depression, aber irgendwie kotzte mich alles an – Bücher, Sex, Drogen, Musik, Kino, Tanzen, Schreiben, Schwitzen –, ich wollte mehr oder das Handtuch schmeißen. (S. 7 – Der Romananfang)

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Es ist aber mehr als ein nachpupertäres Sommerloch, woran Alex leidet. Sein Gedichtband wird mal wieder von einem Verlag abgelehnt, er hat aber gleichzeitig seit circa zwei Jahren keins mehr geschrieben, zur Uni geht er nicht, so richtig arbeiten geht er auch nicht, außer das Geld wird ganz arg knapp. Menschen sind entweder Arschlöcher oder nett, beides ist uninteressant. Was bleibt da noch? Henrik und Kai und eine Autostopperin, die Esther heißt und die umworben und erobert wird. Ob Alex sie halten kann, ob Alex sich überhaupt wert fühlt, sie zu halten, darum geht es im Roman, davon erzähllt Alex sich selbst.

Die Musik

Dieser innere Monolog wird von Alex Blau liebend gern vom Soundtrack seines Lebens unterlegt. Musik ist wichtig, ein Song ist manchmal der einzige Freund, den man hat. Clubs werden nach ihren DJs beurteilt, Menschen nach ihrem Musikgeschmack, ob in der Wohnung oder im Auto, Musik ist Stimmungsaufheller, ist Trost und Rat, ist Balsam oder Aufputschmittel. Esther hört auch Musik, aber Esther ist fröhlich, glücklich, kommunikativ, und das spiegelt sich in ihrem Musikgeschmack wieder, was vom Ich-Erzähler aus Liebe toleriert, aber nicht für ganz voll genommen wird.

Ich atmete tief durch, entkrampfte die Muskeln, so gut es ging, und steuerte Esthers Plattenspieler an. Ich legte die erste Cowboy Junkies auf, wir hatten verschiedene Geschmäcker, was Musik anging, das meiste, was sie hörte, war mir am Anfang völlig saft- und kraftlos vorgekommen, doch nach etlichen schönen Stunden im Bett mit den Junkies und den Sundays und wie sie alle hießen, hatte ich auch diese Art von Musik zu schätzen gelernt, was nichts daran änderte, daß ich in erster Linie auf Gitarren stand. Black-Sabbath- und Motörheadgitarren. Musik sagt sehr viel über die Haltung aus, die man gegenüber dem Leben einnimmt, glaub ich. Langsame, ruhigere Songs lassen einem viel Platz, man kann sehr viel selber in die Musik legen, und sie vereinnahmt einen nicht so. Eine richtig bratzende Gitarre steht im Vordergrund und läßt nichts neben sich gelten, das kann man nicht nur so nebenbei hören. Esther brauchte Musik, bei der man sich unterhalten konnte, eine Untermalung für die geselligen Abende, die sie sehr liebte. Esther wollte, daß eine sorglose, sanfte Atmosphäre herrschte, eine Musik, die ein Band zwischen den Leuten knüpfte. Ich wollte immer nur mit Hilfe der Musik abheben, alles andere hinter mir lassen.“ (S. 103)

Die Dröhnung

Wenn Musik nicht hilft, hilft die Dröhnung. Die Geschwindigkeit mit der Alex Blau versucht, seinem Namen alle Ehre zu machen, ist beeindruckend, wo sie nicht angsteinflössend ist. Dabei ist Alex aber alles andere als ein dumpfer Säufer. Er spürt (sich) (zu) viel, nimmt sich und seine Rolle in der Welt durch eine ordentliche Portion Egozentrik eingefärbt wahr. Er findet seinen Platz in der Welt nicht, schuld hat die Welt. Er wird nicht anerkannt von der Welt, die Welt ist dumm. Und geliebt will er werden, um jeden Preis. Er klammert sich an Esther, er klammert sich an sein Bier. Was hier unsympathisch klingt, ist im Buch liebeswert, nicht zuletzt deshalb, weil Selim Özdogan richtig gut schreiben kann und die ganze, immer prevalente Jungshippness mit einem ironischen Augenzwinkern versieht.

Es wird im Roman richtig viel getrunken, es wird im Roman auch richtig viel Autogefahren, oft gleichzeitig. Irgendwann wird auch ein Führerschein ‚gezupft‘, wem und warum, verrate ich hier nicht.

Im Referenzrahmen nur Jungs

Wichtig sind Alex Kai und Henrik. Die Co-Cowboys fürs Leben. Mit ihnen geht er Flippern, mit ihnen trinkt er in deren Wohnungen und in Bars und erlebt dabei großes, für sie steht er immer ein. Sie verstehen ihn. Wenn eine Clique entsteht, dann weil die drei Jungs Mädchen mitbringen. Der Freundeskreis von Esther ist egal, ist ihm suspekt, um den bemüht er sich gar nicht, bei gleichzeitiger fast schon krankhafter Abwesenheit, wenn Esther Zeit für sich selbst braucht. Bei aller Jungshippness und erotischer Aufgeladenheit (ja, der Roman hat ein paar richtig überzeugende Sexszenen) fühlt man sich an den frühen Djian erinnert, an den frühen deshalb, weil ich den späten nicht gelesen hab. Der schnoddrige Ton, die Geilheit, die Wichtigkeit der eigenen Träume, aber auch die Rast- und Ruhelosigkeit. Diese Ähnlichkeit wird vom Autor durchaus und selbstbewußt zugegeben. Alex Blau ist auf sein Bücherregal richtig stolz, es macht ihn, so vermutet er, zu etwas besonderem.

Ja, wahrscheinlich war es eine seltsame Mischung, vielleicht zeugte es sogar von ungeheurer Geschmacklosigkeit, Philip K. Dick, Dostojewski und Djian standen zusammen, Baudelaire und Blake wurden von Brautigan gestützt, Melville, Mishima und Miller stritten sich, wer der mutigste war, und Dylan Thomas und Rimbaud hatten Hunter S. Thompson und Mickey Spillane als Nachbarn, die Tom-Waits-Biographie stand neben Allan Watts, und ich kann mir vorstellen, daß sie sich wirklich nicht besonders wohlfühlte. (S. 49)

Hemmingway mag er aber nicht. Aber sehen wir über diese Ähnlichkeit hinweg. Das Buch liest sich gut, es lädt zur Empathie und zum Kopfschütteln ein, es passiert genug, ohne das es handlungsdominiert wäre, der Aufbau ist originell und macht Spaß. Erstaunlich häufig wird telefoniert, erstaunlich häufig erreichen sich die Figuren am Telefon nicht. Die 5000 Mark im ersten Absatz hätten ein Warnsignal sein können: Das Buch ist schon relativ alt, ist 1995 zum ersten Mal erschienen. Mobiltelefone waren da noch kein Thema. Erst beim Lesen fällt wieder auf, wie wohltuend es war, als Beziehungskrisen noch ohne SMS auskamen (gelöst wurden sie deshalb aber auch nicht leichter), wie rätselhaft das Leben war, als die Freunde noch nicht zu jeder Zeit erreichbar waren.

Das Buch ist mittlerweile übrigens in der 9. Auflage. Von mir aus können es noch mehr werden.

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Zur Webseite von Selim Özdogan

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