Kenzaburo Oe – Therapiestation

Nobelpreisträger und Science Fiction: Da ist die Welt untergangen und worüber wird geredet? Über Yeats!

Zu den Fakten: Der japanische Literaturnobelpreisträger schreibt einen Roman in der nahen Zukunft und die Welt dort ist großflächig verstrahlt von Atomkriegen und Reaktorunfällen. (Klingt bekannt? Ich hab mir das Buch vor Fukushima gekauft. Aber nur so 2 Tage, dann kam die Flut. Das Zusammentreffen hat die Lektüre nochmal ordentlich gruseliger gemacht.) Aber das ist sogar noch das kleinste Problem. Die Umweltverschmutzung ist auf eine Art angestiegen, dass die Menschen kaum mehr auf der Erde überleben können. Und was machen die Menschen? Setzen sie auf Recycling? Oder fliegen sie ins All? Dreimal dürft ihr raten.

Die Menschenheit ist also dann geteilt:

Die Erwählten – die Mitglieder der Starship Gesellschaft – wollen das All kolonialisieren und beuten dafür die allerletzten Ressourcen aus. Kehren dann aber lieber zum verdreckten Planeten zurück, weil es dort im All doch nicht so gemütlich war, und hoffen insgeheim, die Zurückgebliebenen hätten sich selbst erledigt, wären also verstorben und sie selbst könnten ein Eckchen unberührtes Shangrila finden und für sich nützen.

Spielt es aber nicht. Denn die Versager, die Zurückgebliebenen, haben zwar jede Menge Komplexe, körperliche Umweltschäden, zuwenig zu esesn und Krieg, die Menge. Aber dann reißen sie sich am Riemen, finden zu unausbeuterischen Produktionsmethoden zurück und überleben.

Die Unterscheidung geht quer durch die Familienverbände und als, nach 10 Jahren, die Exkursionsteilnehmer der Starship Gesellschaft zurückkehren, um die Welt zurück zu fordern, naja, da muss zuallererst mal Tee getrunken werden und die Familienhierarchie neu untersucht werden.

Erzählt wird das alles von Ritchan, einem jungen Mädchen, dass sich mit dem Leben auf der Erde ganz gut arrangiert hat. Einer ihrer Onkel hat zum Überleben der Zurückgebliebenen mit seinem Hirn und seiner Energie stark beigetragen und ist dann an Krebs gestorben. Ihr anderer Onkel und ihr Cousin kehrenaus dem All zurück, keinen Tag gealtert in den 10 Jahren, wie alle Raumfahrer. Ihr Cousin wird zu ihrem Love Interest, ihre Lebenserfahrung gleicht den Altersunterschied aus, es scheint eine halbwegs unhierarchische Beziehung zu sein. Der Cousin (Sakuchan) will und will nicht vom All erzählen, er dürfe nicht. Stattdessen zitiert er Yeats und nochmal Yeats, Ritchan kontert mit William Blake und warum denn auch nicht: Vor der Tür findet ja nur ein politischer Umsturz statt, vor der Tür wird ja nur die Welt wieder auf Raubbau und Krieg umgerüstet.

Dann der Sex:

Ritchan und Sakuchan ‚erkennen‘ sich in einem verfallenen Raketenabschussplatz. Sie haben Sex, Ritchan besteht auf einem Kondom, da sie bei ihrer Flucht aus dem Schweizer Internat zurück nach Japan vor 10 Jahren wiederholt vergewaltigt und missbraucht wurde. Sie hat seitdem keinen Aidstest gemacht. Sakuchan ist darüber so ungehalten (warum eigentlich, ist doch klug, Anm. der Leserin), dass er versucht sie zu vergewaltigen, was misslingt, da Ritchan in den letzten 10 Jahren Selbstverteidigung wie Trockenschwimmen heimlich und allein im Bett geübt hat. Wird also doch wieder ein Kondom verwendet, Ritchan hat nach diesem rauen Vorspiel ihren ersten Orgasmus. (Ahem? Sind sie sich sicher, Herr Oe?)

Ritchan und Sakuchan flüchten, sie haben gegen allerlei Regeln verstoßen, finden bei einer Zurück zur Natur Bewegung Unterschlupf und Frieden. Diese utopisch dargestellte Gesellschaftsform nimmt Ritchan auf, sie fühlt sich geborgen und glücklich, Sakuchan erzählt endlich vom Weltall und von der Therapiestation dort. Das Geheimnis des Jungbleibens wird gelüftet. Dann passiert noch allerhand Revolutionäres. Es endet, wie es enden muss: mit einem Yeatszitat.

Familienbande und die Gesellschaft:

An und für sich ja Ungeheurerlich! Die Erwählten reißen alle Ressourcen an sich, verschwinden im All, kommen dann doch zurück und fühlen sich im Recht und mit einem umfassenden Regierungsmandat ausgestattet. Und niemand widerspricht! Die Gegner flüchten schon vor Ankunft in den Untergrund, der Widerstand bleibt höfliche Rethorik. Gerade in der Familie Kita wird dieser Konflikt besonders zugespitzt präsentiert. Vielleicht sagt das was über Japan aus und die, diesem Land nachgesagte fast schon unglaubliche Selbstbeherrschung, vielleicht sagt das aber auch was über die gesamte Welt aus. Denn so richtig abtun kann man die präsentierten Strukturen nicht. Es schleicht sich der Verdacht ein, ja, es könnte sein, dass die Welt genau so funktioniert. Das ist Unbehagen. Das macht das Buch dann doch so richtig gut.

Wenn nur Ritchan nicht wäre: Das Mädchen ist so brav. Fühlt sich schon mutig und aus der Rolle fallend, wenn sie nur in einem leisen Nebensatz sowas wie Witz zeigt. Ist letztlich völlig zufrieden mit ihrer Rolle dem Weltraumreisenden, dem Rückkehrer, dem großen Mechaniker, dem großen Mann ein Kind zu gebären. Ist so zum Heulen.

Ein Lichtblick ist die Großmutter: Eine würdige Mater familias.
Sie stellt die richtigen Fragen an die Heimkehrer, was nicht heißt, dass sie eine Antwort bekommt.
Sie ist letztlich auch am Kampfbereitesten. Und haben wir nicht alle eine geheime Schwäche für Omis mit Knarren? I know, I do.

Bevor ich’s vergess: Das Buch ist – selten bei SciFi – so richtig lustig. Trotz Beklemmung und Figuren, mit denen sich wohl niemand identifizieren will. Vor allem besagte Sexszenen. Und das Drumherumreden der DrahtzieherInnen, die Pointen, die der Clash of Weltbild generiert, funktionieren.

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Noch ein Nachsatz zu Yeats:
Ein anderer Großmeister, ein Seitenschreiber der SciFi hat mal drauf hingewiesen, dass die intensivste Auseinandersetzung mit britischer Literatur im Ausland stattfindet, in den Ländern, die ihre reichen, talentierten Kinder nach Groß Britanien auf die Eliteuni schicken. So wäre Indien eine Hochburg der britischen Literaturrezeption, was sich natürlich auch auf die Literatur auswirkt. (Ich zitiere hier aus dem Gedächtnis, Tad Williams war’s in Otherland).
Insofern ist es ja ganz interessant, dass ein japanischer Autor Yeats Gedichten eine tragende Rolle gibt.

5 Kommentare

  1. Die Frage die ich mir bezüglich der falschen Messwerte von Tepco stelle ist, ob das reine Unfähigkeit oder ob das Absicht ist. Japans Atomgigant Tepco hat in der Vergangenheit immer wieder Pannen vertuscht. Die Strahlen-Messwerte vom Grundwasser in und um das Atomkraftwerk seien teilweise fehlerhaft, teilte die japanische Atomaufsichtsbehörde am Freitag mit. Das Grundwasser sei aber dennoch sehr wahrscheinlich verstrahlt. Ich weiss jetzt wirklich nicht was schlimmer ist, allerdings sollte man eins gelernt haben. Das Betreiben solcher gefährlicher Technik sollte in staatliche Hand gegeben werden und nicht mehr in private Hände.

  2. Interessant. Ich bin zufällig auf Deinen Beitrag gestossen, als ich nach William Blake Seiten recherchiert habe (betreibe selber eine) und dann fand ich diese Buchrezession. Danke dafür, neuer Input ist immer gut.

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