Perihan Mağden – Wovor wir fliehen

Ein Besuch in Istanbul hat mich mit Perihan Mağden bzw. ihrem Buch „2 girls“ bekannt gemacht. Die lakonische Story zweier Mädchen (eines Punk, eines brav) mit ordentlich Lokalkollorit vollgepackt und in einer (gerade für türkische Literatur, wenn ich die 3 anderen Bücher, die es – in Übersetzung natürlich –  ins Fluggepäck geschafft haben, als Maßstab hernehmen darf) unpackbar unblumigen, lakonischen Sprache erzählt,  hat mich bezaubert. Nicht zuletzt deshalb, weil keines der Stereotypen, die wir von einer türkischen Mädchenjugend haben, darin vorkommt. Nicht zuletzt deshalb, weil „2 girls“ sehr, sehr urban daher kommt. (Wie denn auch nicht. Mit Istanbul in einer der Hauptrollen.)

Getting lost in Istanbul

Daher war ich mehr als erfreut, ein neues Buch von Perihan Mağden im Buchladen meines Vertrauens zu sehen. „Wovor wir fliehen“ heißt es, es ist bei suhrkamp nova erschienen und eine stereotypisch-türkische Mädchenjugend – whatever that may be – findet sich darin definitiv wieder nicht.

Eine Mutter und Tochter leben ein teures Leben auf der Flucht. Sie richten sich in Hotelzimmern ein, erschaffen sich Heimat mit am Strand gesammelten Kieselsteinen, mit Vorhängen, Polstern und Tüchern. Immer wieder müssen sie Hals über Kopf aufbrechen, aus Angst, von ihren Verfolgern eingeholt zu werden.  Wer diese Verfolger sind, bleibt offen. Sie haben irgendwie mit der Vergangenheit der Mutter zu tun, die oft in schweren Depressionen versinkt. Das Glück der Mutter ist die Symbiose mit der Tochter. Die genießt keine Schulbildung, trainiert dafür jedes Tag im Swimming Pool. Dem Leser bleibt Unbehagen.

Im Stil von TV-Berichterstattungen nach der Katastrophe, und dass eine Katastrophe kommen wird, ahnt man früh, berichten Fremde von ihren Eindrücken des Paares: die wunderschöne, stille Tochter, die hochnäsige Mutter, die gut trinkgeldgebende Mutter-Tochter-Einheit.

Dieses ungewöhnliche Gangster-Roadmoviebuch lässt viele Fragen offen. Selbst die, wo denn eigentlich die eigenen Sympathien liegen sollen. Die Sprache ist effizient, sparsam, dennoch poetisch immer wieder. Das Ende liefert einen ziemlichen Knalleffekt.

Perihan Magden - Wovor wir fliehen

 

Obwohl mich „Wovor wir fliehen“ beeindruckt hat, würde ich vor allem zu „2 girls“ raten. Vielleicht, weil ich „2 girls“ auf Englisch gelesen habe (was ich – agreed – einfach sehr gerne tue), vielleicht, weil es ein realistisches Buch über Istanbul und seine Jugend ist, während WVF vor allem ein realistisches Buch über Macht, Abhängigkeit und Krankheit ist.

Auf Perihan Mağden Entdeckungsreise zu gehen, das empfehle ich allerdings unbedingt.

 

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