Lili Grün – Alles ist Jazz

Berlin um 1930. Weltwirtschaftskrise und Theater- bzw. Kabarettleidenschaft. Kabarett im Sinn einer bunten Revue, in der gesungen, gesketcht, performt, geliteraturt und so weiter wird, ein bunter Abend halt. Elli, eine gerade noch jung genug seiende Wiener Schauspielerin, versucht, sich als Schauspielerin zu etablieren, zumindest genug, um die Miete für ihr Zimmerchen mit Frühstück, die wöchentlich fällig ist, zu bezahlen. Ihre Hoffnungen werden ständig zerschlagen, aber irgendein Engagement rettet sie um 5 vor 12, besser gesagt: um 20 nach 12, also kurz vor der Delogierung oder vorm Verhungern doch wieder.

Lili Grün Alles ist Jazz

Ihre Kontaktversuche zum Theater verpuffen: Ein älterer etablierter Schauspieler freut sich über ihre Besuche in seinem Umkleideraum, steckt ihr Geldscheine zu und stellt ihr sogar den Direktor vor.  Aber erst, als sie sich mit Freundin selbstständig gemacht hat und mit ihrer Kabarettgruppe „Jazz“ halbwegs erfolgreich ist, schaut der auch mal vorbei. Kontakte zum Film bestehen, aber keine tragfähigen. Die Demütigung, sich den wichtigen Personen immer wieder in Erinnerung rufen zu müssen, nimmt Lili zwar immer wieder auf sich, aber es kostet Kraft und es bringt nicht viel. Am ehesten trägt noch das eigene Netzwerk: Die Freunde bei JAZZ vermitteln Auftritte und Engagements, sie feiern miteinander, sie diskutieren über Kunst und Literatur, sie scharren Talente um sich. Wenn das nur gut geht. Bei manchen geht es gut, bei manchen nicht.

Die Erzählhaltung bleibt Elli verbunden. Elli ist warmherzig, liebevoll, sehr impulsiv. Gleichzeitig vielleicht ein wenig zu unvorsichtig mit den Gefühlen anderer Menschen. Das Berlin dieser Zeit (bis auf die Härte der Wirtschaftskrise und der Existenz des Internet dem heutigen Berlin absolut nicht unähnlich) wird mehr als lebendig.
Probleme werden vor allem zwischen den Zeilen vermittelt, der konstanten Armut vieler wird mit melancholischem Mut und mit Hoffnung begegnet, aus den Augen einer jungen Schauspielerin, die sich von ihrem Geld eher ein Paar neue Schuhe kauft, denn ein gutes Essen. Sie muss ja gut aussehen auf der Bühne. Auch die Ambivalenz der Figur wird eindrucksvoll vermittelt. Elli sucht Menschen, die ihre Liebe und ihre Empathie annehmen. Robert, der sie akribisch in seinen Stundenplan einträgt, reicht da nicht aus. Eine Herzensfreundin vom Theater ist da eher geeignet. Schon etwas älter und schon deutlich gezeichnet von den Entbehrungen könnte Hedwig eine mögliche Zukunft Ellis darstellen. Sehr talentiert. Etwas depressiv. Wohl auch unterernährt, was auf der Bühne interessant und verführerisch aussieht, im echten Leben aber halt auch eine Gefahr sein kann.

„Alles ist Jazz“ kann man in eine Erzähltradition einreihen, in der junge Frauen ohne auktorial-naserümpfenden Erzähler in der Großstadt ihr Glück, ihre Karriere und ihr Überleben suchen. Also möchte ich doch gleich noch ein paar Lesetips anhängen:

  • Irmgard Keun – Das kunstseidene Mädchen
  • Truman Capote – Breakfast at Tiffany’s
  • Anita Loos – Gentlemen Prefer Blondes

Leseempfehlung!

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