Fabian Faltin – Gute Macht

Mann trifft Frau und nebenbei geht die Welt unter. Darum kümmert sich wie immer keiner oder eben die Falschen. Es ist ständig zu heiß oder zu kalt, der Wechsel geht in Minuten vor sich, hat aber kaum nachhaltige Folgen. Bedingt werden diese diffusen Schwankungen von einer unerklärten blauen Strahlung, die auf die schutzlose Erde und Menschen prallt und alles versengt oder schockfriert.

Besagter Mann ist Kirk, ein akademischer Arbeiter, der von einem Mietbungalow aus versucht, die Welt und vor allem das Internet im Auge zu behalten. Kirk glaubt an die Messbarkeit der Welt, glaubt an eine vollständige Wissbarkeit, was entweder eine neurotische Position oder ein Anachronismus ist, schließlich ist der umfassend gelehrte Mensch mit Überblick über das Weltwissen ungefähr zur Zeit Goethes verschwunden. Kirks Neurose fehlt ein wenig das erzählerische Korrektiv. Als Lesender ist man verführt, selbst daran zu glauben, dass die Welt noch vollständig sortiert und katalogisiert werden kann und dass diese Tätigkeiten wertvoll und sinnvoll ist.

Fabian Faltin - Gute Macht, Milena Verlag 2010

Fabian Faltins Debutroman Gute Macht erschienen im Milena Verlag 2010

„Gute Macht“ spielt in einer nahen Zukunft oder in einer akut verschlechterten Gegenwart. Wie William Gibson setzt Fabian Faltin die veränderte Welt als bekannt voraus. In keinem Satz verweist er auf die Herkunft der Strahlung, auf das erste Auftreten oder auf Reaktionen in Medien oder in der Politik. Anders als bei Gibson fehlen allerdings die großen Gegenspieler: die multinationalen Firmen, die machthungrigen Interessensgruppen, der Markt ganz generell, oder schlicht und einfach Nebenfiguren mit Eigeninteressen und Dynamik. Das ist an und für sich stimmig. Nebenfiguren nimmt Kirk nicht als gleichberechtigt wahr und trotz seiner Informationsgeilheit findet sich wenig Wissbares über die wahren Verantwortlichen und Hintergründe.

Der von Kirk durchforstete Erdabschnitt 80003B bis 10997-0 ist von der Restwelt abgeschnitten:

„Moden, Meinungen, Meteorologie. […] Wertloses demokratisches Rohmaterial. Irgendwelche Attribute. Wir leben bloß für die Statistik. Wir leben auf einer Insel. N=1.“ (GM, S 9)

Radio und Internet gibt es noch. Das Internet scheint bevölkert von nutzlosen Wissensdatenbanken, online Partnerbörsen und semiprivaten Chats. Im Radio wird, abgesehen von den aktuellen Strahlungswerten und -orten, nicht mehr viel durchgesagt.

Die Orte sind schon allein deshalb interessant, weil sich ein reger Strahlungstourismus entwickelt hat. Wo es strahlt, wird gefeiert. Eine euphorisierte Menge versucht sich mit Energie aufzuladen (und verliert dabei schon mal ein paar Finger oder Haare, scheint sich aber nicht sehr nachhaltig daran zu stören), die Orgien haben starke sexuelle und religiöse Komponenten. Hier trifft Kirk auf die von ihm gehassten Scharlatane, die mit Heilslehren für den gelebten Sozialismus und den Bau von Kühlhallen, in dem sich die Menschen verwahren und schützen lassen sollen, eintreten. Hier hält Kirk seine erste (und einzige) öffentliche Rede, hier startet er einen impulsiven Versuch dieser Welt in Endzeitstimmung eine neue Richtung zu geben. Kirk scheitert natürlich an der politischen Agitation und zieht sich erschöpft in seinen Bungalow zurück.

(Kirks Brandrede wird allerdings kaum erwähnt, überhaupt arbeitet Fabian Faltin wenig mit direkter oder indirekter Rede, bleibt in seiner Erzählhaltung ein bisschen zu stark in Kirks sammelnder, katalogisierender Innensicht verhaftet.)

Fabian Faltin baut ständig Ambivalenzen auf, es ist heiß und kalt, Hitze führt zu Frostbeulen, die Strahlung kommt aus dem Äther oder doch aus dem Monitor, die beschriebene Welt ist immer wie sie ist und auch genau anders.

So ist es auch in der Liebe.

Kirk trifft auf einem Spaziergang, er selber würde es als Arbeitsweg und Datensammeln bezeichnen, auf Maureen Cruz: „Er erkannte eine weibliche Präsenz, die Umrisse ließen wenig Zweifel.“ (GM S. 42). Trotzdem schätzt er sie unter ihrer Armyjacke als „schwachbrüstig ein, was anatomisch korrekt, ansonsten aber ein schwerer Irrtum war.“ (ebd.)

Bei dieser Erstbegegnung zeigt sich auch Faltins Sinn für Ironie und Humor, beides zieht sich durch den Roman und ist prägendes Stilmittel:

„Er phantasierte, dass sie eine Frau in den besten Jahren war, oder davor, dann blieb ihm genug Zeit, sie anzusprechen. Sie war im Dickicht verschwunden.“ (ebd.)

Kirk erkennt die berühmte Online-Redakteurin sofort an ihrem Bild, sie verwendet im Internet also ein echtes Foto. Trotzdem gelingt es ihm wenig später, nach einem kurzen, heftigen Techtelmechtel in der Nähe eines Strahlungsortes, nicht, sie virtuell zu kontaktieren. Die vermeintliche cruz85@godswindle.int entpuppt sich als Scharlatan, der mit Kirk über Kühlhallen sprechen will. Hier entpuppt sich Kirks Verhalten als definitiv neurotisch. Überzeugt davon, die begehrte Cruz in einem Monsunregen vor der Tür stehen zu haben, muss Kirk noch seine aktuelle Online-Recherche (es geht um die aktuell als Top15 gereihten Rennpferde) beenden, an seinen Fingern „in kleinkindlicher Manier“ zu nuckeln, Raumspray versprühen, Essen und Tulpen beim Home-Service bestellen, den Tisch symmetrisch exakt zu decken. (GM S. 59-60). Beim zweiten Läuten versprüht er Raumspray und kann sich gerade noch stoppen im Internet dessen Gebrauchsanweisung runterzuladen. Es läutet nochmal. Endlich kann sich Kirk dazu durchringen die Tür zu öffnen. So gesehen ist es wahrscheinlich gut, dass der bekehrungswütige Puppendoktor triefnass vor der Tür steht. Das Spiel mit den virtuellen Existenzen und der Löchrigkeit des Informationsfluss ist gut gelungen.

Die Wichtigkeit und die Effizienz von Kirks akademischer Arbeit wird im Roman ohnehin nicht belegt, Kirk könnte genausogut ein zielloser Flaneur sein. Einer, der die Welt beobachtet, wahrnimmt, aber eben nicht in Datenbanken abspeichert. Und Flaneur ist Kirk ein guter.

Kirk geht im Echtraum auf Cruz-Suche. Wie im Hollywoodklassiker Casablanca ist es überhaupt kein Problem eine rasende Reporterin aufzuspüren: alle wichtigen, berühmten und schönen Menschen treffen sich in einem als Gastro getarnten Angelpunkt. Faltins von Rick’s Café Américain nennt sich Bar B_International. Auch so ein Anachronismus und ein Beleg für die Abgeschlossenheit des Erdabschnitts 80003B bis 10997-0. In diesem von Sonnenschirmen gegen die Strahlung abgeschirmten Glaspalast treffen Cruz und Kirk aufeinander und werden zum Paar. Dass das irgendwas vereinfachte, wäre auch gelogen.

Überhaupt, der Strahlenschutz. Dort wo Faltin mit Sprache spielt um die bedrohte Menschheit zu schildern, macht „Gute Macht“ am meisten Spaß. Die Menschen schützen sich mit Thermojacken, Palästinenserschals, Polaroid-Sonnenbrillen oder Motoradkleidung gegen die blaue Strahlung. Strahlungsresistente Milchkühe und topmoderne Hühnerhybride tummeln sich auf dem Speiseplan, Kirk denkt an Kernenergie, wenn er sich von Nüssen ernährt. Die Schilderungen der kollabierenden Welt sind ebenfalls besonders überzeugend. „Endlich war der Monsun verzogen. An seiner Stelle behauptete sich die Strahlung mit gesteigerter Intensität. Der leere Himmel wurde durchschossen von perfektem, perlend blauem Licht, wie mit einem Waschmittel gesäubert. Ein blauer, jenseitiger Äther übertünchte alles, haftete wie eine glänzende Glasur auf den Straßen. Sogar in die innersten Winkel der Gebäude und im dichtesten Wald hatten sich diffuse Strahlungsspitzen einen Weg gebahnt.“ (GM S. 72)

Wie Kirk und Cruz enden, will hier nicht verraten werden. Hält die Liebe der Dauerbestrahlung stand? Lassen sie sich in Kühlhallen einlagern? Gelingt ihnen die Gründung einer politischen Bewegung, die die Welt aus der Krise führt? Fallen Sie dem Aberglauben anheim? Vielleicht verrate ich soviel: das Ende ist eine ironische Allmachtsfantasie und für den kritischen Geistesmenschen Kirk eigentlich eine Niederlage, obwohl die Gute Macht mit ihm ist und bleiben wird. Ob und welcher Scharlatan daraus Kapital schlagen wird, erzählt vielleicht Gute Macht 2.0.

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Fabian Faltins Webseite

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