Iain Banks – Dead Air

Iain Banks ist ein erklärter Lieblingsautor von mir, dafür hab ich erstaunlich wenig von ihm gelesen. Neuer Anlauf: Dead Air. Wieder war ich: atemlos, begeistert, verzaubert, verblüfft.

Dead Air handelt von dem unglaublich coolen, koksenden, rummachenden, zynischen, weltverbessernwollenden Radio-Talkshow-Master Ken Nott. Der brockt sich verschiedenste Süppchen ein und muss sie der Reihe nach wieder auslöffeln, weiß aber oft gar nicht aus welchem Eintopf der ihn gerade in die Mangel nehmende Kotzbrocken entstiegen ist. Er scheitert am Handfeuerwaffenkauf und versucht sich ausdauernd rauszureden, was ihm oft gelingt, aber eben nicht immer.
Ken Nott ist ein trinkender, drogennehmender, untreuer, prinzipienloser Prinzipienreiter, ein verbaler Don Quichotte, der mit seiner Langzeitfreundin nicht in die Staaten fliegt, weil Dubya (= Präsident Bush) nicht legal gewählt ist, der keine einzige Aktie besitzt, weil das unmoralisch ist, der sein relativ leicht verdientes Geld (aber mit Herzblut verdient, wenn Ken Nott an was glaubt, dann ans Reden im Radio) in wenig verzinsten Anlageformen anlegt, die Kredite für den fleißige Menschen ermöglichen sollen, der seinen Freunden in seinen ‚rants‘ erklärt, wer in dieser Welt schwarz, weiß oder im welchem Grau schattiert ist, der aber in einem schwachen Moment nicht Nein sagen kann, als die Ehefrau seines besten Freundes Trost sucht.

Ian Banks - Dead Air

Soweit soweit.

Was mich aber atemlos gemacht hat, ist nicht der Plot, der gut ist, ist nicht unbedingt die Sprache, die lustig, zynisch, sarkastisch, begeistert, cool, usw. ist, atemlos hat micht gemacht, wieviel Leichtigkeit, Inspiration und Handwerk Ian Banks in Dead Air beweist.
Verschiedenste, gewichtige Handlungsstränge wechseln sich ab, werden neu aufgegriffen, werden – wie im Alltag – eine Zeitlang vergessen oder zurückgestellt, und wie im Alltag hat dieses Vergessen und Zurückstellen Folgen.

Ein Beispiel: Das erste Kapitel beschreibt eine Party, die Kens Freundin wird mit dem Handy weggerufen, andere Handys läuten oder werden gesucht, die Party endet in einem Exzess, die Gäste werfen alles Nichtnietundnagelfeste aus der Loft in den (leerstehenden und unbenützten) Parkplatz und schauen den Gegenständen, Weinflaschen und Lebensmittel beim Zerplatzen und Aufprallen zu. Ken Notts Handy läutet, das der Frau neben ihm (eine Freundin seiner Freundin; die beiden flirten) läutet zur gleichen Zeit, Ken wundert sich über die Synchronität dieser Anrufe. Er geht ans Telefon, beim Aufschauen sieht er, dass jeder einzelne Partygast gerade telefoniert. Es ist sein Chef, der ihm vom Terroranschlag auf N.Y.s Twintowers erzählt.
Großartig: die unauffällige Anhäufung von Handys im ganzen Kapitel.
Noch großartiger: obwohl Terror permanent Thema bleibt (Terror durch Gangster, Bomben in London, Medien post 9/11), ist 9/11 maximal ein Nebenthema. Die Katastrophe im ersten Kapitel geht verhältnismässig spurlos an Ken Nott und seinem Umfeld vorbei, denn in London geht der Alltag weiter.

Dead Air ist übrigens ein Ausdruck für Stille im Radio.

Bisher von Iain Banks gelesen hatte ich (falls es jemand wissen will) den Roman ‚The bridge‘, und von von Iain M. Banks (gleicher Autor, anderes Genre) die Bücher ‚Consider Phlebas‘, ‚Look to windwards‘, ‚Inversions‘

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