Zu allererst Mal Danke an Kollegin Etta Streicher für den Lesetipp. Nachdem du Aglaja Veteranyi beim Mutterslam im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz präsentiert hast, ist sie plötzlich überall in meinem Aufmerksamkeitsfenster aufgetaucht und es war immer toll. Der Roman “Warum das Kind in der Polenta kocht” ist es auch.

Sehr konsequent aus der Sicht eines Kindes erzählt, rollt sich die Geschichte einer ausgewanderten Zirkusfamilie vor uns aus. Sehr viel Liebe zur Mutter, die sich an ihren Haaren aufhängen lässt, sehr viel Liebe zum Zirkus, ein bisschen Distanz zu Vater und Tante, ein wenig Streiten mit der Schwester und ein Drama: die Eltern trennen sich, ein Internat wartet, nichts bleibt, wie es war.
Die Sprache: poetisch, bildhaft, keine Angst vor Tabus. Besonders fällt auf, wie konsequent die Kindheitsperspektive ist: nie weiß die Erzählerin mehr als das kleine Mädchen, oft beobachtet das Mädchen aber Dinge, die man erwachsen mitlesend einordnen kann, dem Mädchen fällt vor allem die Abweichung vom Muster auf.
“Die Fahrt mit dem Auto dauerte mehrere Jahre.
Ich wollte mir den Weg merken, um zurückkehren zu können. Aber je mehr ich mich anstrengte, desto ähnlicher wurde alles, als hälte jemand die Landschaft aufgeräumt.
Die Bäume hatten ihre Blätter eingepackt, wie meine Mutter unsere Kleider.
Es fiel Schnee.
Das Auto schlängelte sich in die Höhe.”
Heile Welt wird hier nicht erzählt. Die Erzählerin allerdings wirkt erstaunlich heil, oder zumindest zu einer Heilung fähig.
Interessantes am Rande (aus Wikipedia geklaut, also durchaus möglicherweise unwahr): Aglaja Veteranyis Kindheit als Tochter eines Clowns und einer Akrobatin (ja, Autobiographiewarnung) führte dazu, dass sie als Analphabetin aufwuchs. Vielleicht zeichnet das “Warum das Kind in der Polenta kocht” so aus: die konsequente Mündlichkeit eines poetischen Prosatextes.
Ganz große Leseempfehlung!
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Veröffentlicht am August 7, 2011
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